Naturschutz & Biodiversität

Trias zur Krisenüberwindung: Klimaschutz, Artenschutz, Gerechtigkeit

17.06.2021

c. pixabay

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES und der Weltklimarat IPCC haben gefordert, die ökologische und die Klimakrise und deren Auswirkungen bei politischen Entscheidungen unbedingt zusammen zu betrachten. Andernfalls könnten sich Lösungen negativ auswirken. Am erfolgversprechendsten seien zudem Ansätze, die gleichzeitig zu sozialer Gerechtigkeit beitrügen.

Die engen Wechselwirkungen von Klima-, Arten- und sozialer Krisen stellten die Politik vor enorme Herausforderungen, heißt es in einem gemeinsamen Bericht von IPBES und IPCC. "Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Klima-, Naturschutz- und Entwicklungsziele erreichen möchte, wird sie nicht umhinkommen, die Belange des Klimas, der Natur und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Dreiklang zu denken. Das heißt, Aufgabenstellungen werden komplexer, weil zum Beispiel Klimaschutzideen, die für sich betrachtet vielversprechend sind, im Hinblick auf die Natur und die lokale Bevölkerung weitreichende Nachteile mit sich bringen können", sagte Ko-Autor und Biodiversitätsexperte Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

Für eine nachhaltige, sozial gerechte Entwicklung menschlicher Gemeinschaften sei beides essenziell: eine möglichst geringe globale Erwärmung und eine artenreiche, produktive und widerstandsfähige Natur, betonte Dr. Hans-Otto Pörtner, Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), der die Berichterstellung mitgeleitet hat. Zudem gelte es, die Armut weltweit zu bekämpfen und die Verteilungsgerechtigkeit zu erhöhen. Manchen Menschen bleibe aufgrund ihrer sozialen und wirtschaftlichen Not gar nichts anderes übrig, als ihren Lebensunterhalt durch Jagd, illegale Fischerei, Goldsuche oder aber durch andere Aktivitäten zu bestreiten, die zum flächendeckenden Raubbau an der Natur beitragen. "Sie aus dieser Notlage zu befreien, wäre ein erster wichtiger Schritt für nachhaltigen Klima- und Naturschutz", sagte Pörtner.

Keine Verrechnung von Biodiversitätsschutz und Treibhausgasemissionen

Weltweit müssten laut IPBES/IPCC 30 bis 50 Prozent der Meeres- und Landflächen unter Schutz gestellt werden. Die Kreislaufwirtschaft müsse gefördert werden, statt Ressourcenverschwendung und Wegwerfgesellschaft zuzulassen. Umweltschädliche Subventionen, die die Artenvielfalt gefährden, zu Überfischung, Kahlschlag oder Überdüngung führten, müssten abgeschafft werden.

Man müsse die Klimaschutzpotenziale der Natur konsequent nutzen und gleichzeitig die Grenzen der Ökosysteme im Blick behalten. Tropischen Regenwald abzuholzen, um Energiepflanzen anzubauen - nur ein Beispiel für ungute Flächenkonkurrenz, deren Auswirkungen negativ sind.

Treibhausgasemissionen energieintensiver Branchen mit Renaturierungs- und Naturschutz-Maßnahmen zu verrechnen, seien "irreführend und kontraproduktiv". "Klimapolitisch macht es überhaupt keinen Sinn, den weiteren Ausstoß von Treibhausgasen dadurch zu legitimieren, dass ein existierender Wald nicht abgeholzt wird", erklärte Pörtner weiter. "Die Welt braucht kurzfristig drastische Emissionseinsparungen, um den Temperaturanstieg zu stoppen und gleichzeitig den Erhalt und Wiederaufbau großer, gesunder Ökosysteme, die uns langfristig in die Lage versetzen, der Atmosphäre mehr Kohlenstoff zu entziehen als durch menschliche Aktivitäten freigesetzt wird. Die Leistungen der Natur sollten wir als zusätzliches Gut betrachten, welches es langfristig zu stärken gilt", so Pörtner.

Transformationsprozesse müssen alle Krisen beachten

Für alle politischen Entscheidungen müssten Natur- und Klimaschutz als gemeinsames Leitbild gelten. Die Maßnahmen müssten sich zukünftig daran messen lassen, inwiefern sie bestmögliche Resultate für das Klima und die Biodiversität vor Ort erzielten. Vorschläge, die einen zu engen Fokus auf Klimaschutz legten, könnten kontraproduktiv auf die Natur und die von ihr abhängige menschliche Gesellschaft wirken. Maßnahmen mit engem Fokus auf Schutz und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt hätten im Allgemeinen zwar Vorteile für die Abschwächung des Klimawandels. Allerdings könnten diese Vorteile suboptimal sein im Vergleich zu Maßnahmen, die sowohl die Biodiversität als auch das Klima berücksichtigten. [jg]

Gemeinsamer Bericht von IPBES und IPCC: www.ipbes.net/BiodiversityClimateScience

Deutsche Kurzfassung (UFZ) (Die Übersetzung ist kein offizielles IPCC/IPBES-Dokument. Im Falle von inhaltlichen Widersprüchen zwischen dem deutschen und dem englischen Text hat der englische Originaltext Priorität)

Pressemitteilung UFZ: Klimaschutz, Erhalt der Biodiversität und soziale Gerechtigkeit – diese Aufgaben lassen sich nur im Dreiklang lösen

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Ausführliche Berichterstattung im Deutschlandfunk (Volker Mrasek): Klimawandel und Artenschutz - Die Suche nach einer umfassenden Strategie

Berichterstattung (Spiegel): Bericht vom Weltbiodiversitäts- und Weltklimarat: Schlechter Klimaschutz zerstört Artenvielfalt


Antarktis: Kipp-Punkte in Sicht?

Kurz vor der jährlichen Konsultativtagung des Antarktis-Vertrags (ATCM) Mitte Juni hat eine Forschungsgruppe gewarnt, dass die Antarktis aufgrund des Klimawandels auf zahlreiche Kipp-Punkte zusteuert. In der Antarktis laufen sämtliche Ozeanbecken zusammen, ein Kippen des Systems habe globale Auswirkungen für die Menschheit und die biologische Artenvielfalt, denn die Antarktis schaffe die Voraussetzungen dafür, dass die Erde bewohnbar ist. Der vom Wilson Center Polar Institute veröffentlichte Bericht "Klimawandel und Resilienz des Südpolarmeers" zeigt, in welchem Maße der durch den Menschen verursachte Klimawandel und die damit einhergehenden rapiden Veränderungen in der Antarktis Auswirkungen haben können. Demnach könne die Störung dieser Systeme den globalen Klimawandel bereits in naher Zukunft überproportional verstärken und das empfindliche Gefüge des Lebens im Südpolarmeer stören. Dies würde sich auf die Resilienz der Küstenregionen und die Lebensbedingungen von Menschen weltweit auswirken. Weiterlesen

Ebenfalls Mitte Juni haben Bundesforschungsministerin Anja Karliczek und Expeditionsleiter Markus Rex ein erstes Zwischenfazit der Ergebnisse einer der größten Arktisexpeditionen aller Zeiten - der MOSAiC-Mission - gezogen. Die ersten vom Alfred-Wegener-Institut präsentierten Erkenntnisse machten deutlich, wie ernst die Lage und wie groß der Handlungsbedarf sei. Es sei richtig, dass die Bundesregierung die Klimaziele für Deutschland nach kurzer Beratungszeit noch einmal verschärft habe. Weiterlesen

 

 


Ressourcenwende gefordert

Das Ressourcenwende-Netzwerk unter dem Dach von BUND, Deutscher Naturschutzring und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) hat ein Politikpapier zusammengestellt, in dem es um Ressourcenschutzziele geht, die zur absoluten Reduktion des Ressourcenverbrauchs führen. Eine konsequente Ressourcenwende sei "der wichtigste Hebel zur Überwindung von Verteilungsungerechtigkeit, Klimakrise und zum Schutz der biologischen Vielfalt". Die Bundesregierung müsse Ressourcenschutzziele für abiotische und biotische Primärrohstoffe festlegen. Weiterlesen