Wasser & Meere

Ein Jahr "Blaues Manifest", ein Sieben-Punkte-Plan und die Ozeanversauerung

09.06.2021

c. pixabay

Der Weltmeerestag am Dienstag bot Anlass zu kritischen Äußerungen. Das von über 100 Organisation getragene "blaue Manifest" zum Schutz der Meere ist ein Jahr alt – Zeit, Bilanz zu ziehen. Ein Sieben-Punkte-Plan von Pro Wildlife und Sharkproject soll Überfischung und Vermüllung verhindern sowie Wale und Haie besser schützen. Die Versauerung der Meere bleibt laut Studien ebenso bedenklich wie die Auswirkungen des Klimawandels auf den Meeresspiegel und die Ökosysteme (Randspalte).

Blue Manifesto – bis 2030 ist noch viel zu tun, damit die Meere gesunden

Im vergangenen Jahr veröffentlichten sechs Meeresschutzorganisationen – unterstützt von mehr als 100 anderen – einen als "Blue Manifesto" betitelten Fahrplan mit elf Meilensteinen für Europa, um bis 2030 gesunde Ozeane zu erreichen. Die erste jährliche Bewertung von Seas At Risk, BirdLife Europe, ClientEarth, Oceana, Surfrider Foundation Europe und dem WWF zeigt, dass einige Fortschritte gemacht wurden. Die EU sei von der Zielerreichung aber noch weit entfernt. Von den elf Meilensteinen wurden zwei erreicht, drei sind als "rot" gekennzeichnet (was ein Scheitern bedeutet), und die übrigen sind entweder teilweise erreicht oder es ist zu früh, um ihren Fortschritt zu bewerten.

"Die Europäische Union muss ihre Anstrengungen verstärken, um bis 2030 einen gesunden und blühenden Ozean zu gewährleisten", forderte Seas At Risk, eine der sechs Verfasserorganisationen. Vor allem, weil es nicht reiche, wenn ehrgeizige Ziele und Maßnahmen auf dem Papier existierten, aber nicht oder kaum in die Tat umgesetzt würden.

Mit der Chemikalienstrategie und dem Aktionsplan zur Vermeidung von Umweltverschmutzung ("Zero Pollution Action Plan") [Meilenstein 4] wurde nach Angaben der Organisationen das Etappenziel erreicht, weil diese zumindest einen ausreichend ehrgeizigen Rahmen hätten, auch wenn die Verweise auf bestehende, ineffiziente Gesetzgebung (wie die Meeresrahmenrichtlinie) nicht dazu verpflichteten, die Ambitionen zu erhöhen. Der zweite Meilenstein, der erreicht worden sei, ist die Rolle der EU beim Schutz und der Wiederherstellung von Meeresökosystemen im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt [8], bei dem ehrgeizige Formulierungen in den Erklärungen der EU zu finden seien.

Im Gegensatz dazu seien

  • der mehrjährige Finanzrahmen MFF (keine Mittel für Naturschutz, obwohl im "blauen Manifest" 21 Milliarden Euro als notwendig erachtet worden waren) und der Europäische Fonds für maritime Fischerei und Aquakultur EMFAF (keine Mittel für Renaturierung und Kontrollen, dafür aber umweltschädliche Subventionen) [6]
  • sowie die Politikmaßnahmen zu den Emissionen der Schifffahrt [9] und
  • zum Tiefseebergbau [11]

aus Sicht des Meeresschutzes besonders enttäuschend. Die Wissenschaft sei sich darüber im Klaren, was notwendig ist, um marine Ökosysteme wiederherzustellen und zu schützen, aber die Politikmaßnahmen blieben weit hinter diesen Anforderungen zurück, kritisierten die Organisationen.

[9] Das dringend benötigte Verbot von Schweröl werde nicht vor 2024 in Kraft treten und selbst dann enthält es zahlreiche Schlupflöcher und Ausnahmen, die seine Wirkung zur Reduzierung von Verschmutzungsrisiken und Emissionen untergraben werden. Die Einführung von Geschwindigkeitsbegrenzungen für Schiffe – eine leicht umzusetzende Maßnahme zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen und Unterwasserlärm – komme in der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) nicht voran, was zum Teil an der mangelnden Unterstützung durch die EU liege.

[11] Ein Moratorium für den Tiefseebergbau sei entscheidend, um eine weitere Zerstörung der Meeresökosysteme zu vermeiden. Leider setze die EU aber keine konkreten Maßnahmen um, trotz Verweisen auf das "Vorsorgeprinzip" in der Biodiversitätsstrategie und anderen Dokumenten. Besorgniserregend sei, dass die EU stattdessen weiterhin die Forschung zur Entwicklung von Bergbautechnologien finanziere.

Die anderen sechs Meilensteine bezögen sich auf so unterschiedliche Prozesse wie die Abschaffung der zerstörerischen Fischerei [1], nachhaltige Meeresfrüchte [2], Plastikverschmutzung [3], Offshore-Windkraft [5] und globale Meerespolitik [10]. Hier gebe es teilweise positive Entwicklungen, allerdings seien die Fortschritte zu schwach und zu langsam (und in einigen Fällen rückläufig), um als erreicht zu gelten. "Wir befinden uns noch am Anfang des Jahrzehnts, und Covid-19 hat das erste Jahr noch schwieriger gemacht, aber die Bewertung für 2020 zeigt, dass die EU ihre Bemühungen verstärken muss, wenn wir bis 2030 einen gesunden Ozean erreichen wollen", mahnte Seas At Risk.

Der "Welttag der Ozeane" war schon im vergangenen Jahr Anlass, auf die vielen Probleme der marinen Ökosysteme hinzuweisen: Geoengineering, steigende Meeresspiegel, Überfischung, Tiefseebergbau und andere Problemen (EU-News 09.06.2020). Auch eine "grüne Erholung" durch kluge Investitionen wurde thematisiert: Turning the tide on EU seas - with a green recovery.

 

7-Punkte-Plan: „Die EU trägt zentrale Mitverantwortung an der Überfischung und Vermüllung der Meere“

Die Naturschutzorganisationen Pro Wildlife und Sharkproject haben sich mit sieben konkreten Forderungen für den Meeresschutz 2021 an den Vize-Präsidenten der EU-Kommission Frans Timmermans gewandt, der den Green Deal der EU koordiniert:

  1. Schädliche Fischereisubventionen beenden, auch auf Ebene der Welthandelsorganisation WTO;
  2. Transformation zu einer ökosystemverträglichen EU-Fischerei, Verbot schädlicher Praktiken, Beifänge minimieren, wirksame und nachhaltige Fangquoten einführen;
  3. Sofortiger Fangstopp für den stark gefährdeten Makohai, auch auf Ebene der International Commission for the Conservation of Atlantic Tunas (ICCAT);
  4. Lückenloses Hai-Finning-Verbot, EU-Finning-Verordnung überarbeiten und besser kontrollieren;
  5. Einsatz gegen Wal- & Delfinjagd, klare Kante gegen die kommerzielle Jagd in europäischen Gewässern durch Norwegen und Island;
  6. Ausweitung mariner Schutzgebiete, bessere Vernetzung und "No-Take-Areas" für Fischerei und Bodenschätze;
  7. kompletter Exportstopp für Plastikmüll.

"Die EU ist maßgeblich an der Überfischung und Vermüllung der Ozeane beteiligt. Doch nun hat die EU einen Green Deal versprochen und erarbeitet derzeit ihre Biodiversitätsstrategie", so die Biologin Dr. Sandra Altherr von Pro Wildlife. Dr. Iris Ziegler von Sharkproject ergänzte: "2021 ist ein Schicksalsjahr für den Meeresschutz: Auf wichtigen Konferenzen zur Biodiversität und zur Fischerei stellt die EU jetzt die Weichen, wie ernst sie den Schutz der marinen Artenvielfalt nimmt." [jg]

Pressemitteilung Seas At Risk Blue Manifesto one year later: some progress – but not enough to achieve a healthy ocean by 2030 und die ausführliche Bewertung (Blue Manifesto Assessment 2021)

Pro Wildlife: Sieben-Punkte-Plan


Ozeanversauerung

IUCN: Was, wo, wie, warum und was jetzt?

In den zurückliegenden 200 Jahren haben die Ozeane etwa 30 Prozent aller CO2-Emissionen aufgenommen. Diese Absorption hat die Produktion von Kalziumkarbonat in den ozeanischen Gewässern verändert und das Phänomen verursacht, das als Ozeanversauerung bekannt ist. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat eine neue Webstory mit einem Überblick über alle Auswirkungen dieses Problems erarbeitet, wo es auftritt und was als nächstes geschehen muss. Weiterlesen: The what, where, how, why and what next on this major ocean issue

AirClim: Ozeanversauerung in der Ostsee

Die schwedische Umweltorganisation AirClim hat einen 28-seitigen Bericht über das Phänomen der Versauerung in der Ostsee veröffentlicht. Anu Vehmaa und Marko Reinikeinen haben ökologischen Bedrohungen und den Bedarf an Abschwächung und Anpassung zusammengefasst. Sie hoffen, dass dieser Bericht zu weiterem Druck auf verbesserte Politik- und Governance-Instrumenten führt, die "eindeutig nicht auf dem neuesten Stand sind", was das Problem betrifft. Es brauche mehr Bewusstsein. Zu diesem Zweck gibt es einen Aktionsleitfaden, der auch die Organisation einer internationalen Woche zur Ozeanversauerung vorsieht. Das Projekt fordert andere Nichtregierungsorganisationen und Interessengruppen auf, sich gemeinsam der Problematik anzunehmen. Weiterlesen


Zustandsbericht über den Nordatlantik

Der Wissenschaftsbeirat der Europäischen Akademien (EASAC) hat die Ergebnisse seiner zweijährigen Expertenstudie über den Zustand des Nordatlantiks und seine Auswirkungen auf Europa veröffentlicht. Die Studie bewertet die neuesten Erkenntnisse zu Fragen des Ozeans – von der Versorgung mit erneuerbaren Energien bis hin zur Fischerei –, die für die menschliche Gesellschaft entscheidend sind. "Europas nachhaltige Zukunft hängt vom Zustand des Atlantiks und seinen globalen Verbindungen ab", so der EASAC. Der lokale Meeresspiegelanstieg in Europa könne stark variieren, der massive Verlust an Eismasse in der Antarktis aufgrund des Klimawandels reiche aus, um die Anziehungskraft auf die Ozeane der Erde so zu beeinflussen, dass sie sich in Richtung der nördlichen Hemisphäre bewegen. "Die europäischen Nationen wären gut beraten, sich auf einen Anstieg von einem Meter oder mehr zwischen 2000 und 2100 einzustellen", sagt Prof. Michael Norton. Die befürchtete Abschwächung des Golfstroms stehe zwar nicht unmittelbar bevor, dennoch sei die Gefahr real und hätte verheerende Folgen für marine Ökosysteme und das Klima. Weiterlesen


Petition gegen Ozeanzerstörung

Die Meeresschutzorganisationen Seas At Risk, Oceana und die Kampagne OurFish haben eine Petition gegen die Verwendung von Grundschleppnetzen (wenigstens) in Schutzgebieten gestartet. Dies müsse eine Verpflichtung im EU-Aktionsplan für Ozeane sein, der nach dem Sommer 2021 veröffentlicht werden soll. Zur Petition

Screenshot Kampagnenseite WeMoveEU