Wasser & Meere

Ob Meere oder Binnengewässer: Fischbestände schrumpfen

25.02.2021

c. pixabay

Der WWF warnt vor dem Kollaps der Süßwasserfischpopulationen, von denen weltweit rund 200 Millionen Menschen abhängig sind. Ein Drittel der Arten sei bereits vom Aussterben bedroht. Der EU-Fischereirat will möglichst schnell Fischfangquoten mit Großbritannien (UK) ab April beschließen. Der Fischereiausschuss im EU-Parlament debattiert unterdessen Initiativberichte zu Abfällen im Meer und den bedrohten Fischbeständen im Schwarzen Meer. Und das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei IGB warnt, dass herkömmliche Fischereipraktiken "kleine, scheue Fische" bevorteilt (Randspalte).

Süßwasserfischpopulationen drohen zu kollabieren

"World's Forgotten Fishes Report" - so heißt der Bericht, den 16 globale Naturschutzorganisationen am Dienstag veröffentlicht haben. Von der Vielfalt der "vergessenen" Süßwasserfische - immerhin 18.075 Arten - hänge aber die Gesundheit, die Nahrungsmittelsicherheit und der Lebensunterhalt von Hunderten von Millionen Menschen entscheidend ab. Jede dritte Art ist laut Bericht bereits vom Aussterben bedroht. Süßwasserfische stellen 51 Prozent aller Fischarten und ein Viertel aller Wirbeltierarten der Erde. Seit 1970 gibt es einen 76-prozentigen Rückgang bei wandernden Süßwasserfischen sowie 94 Prozent weniger "Mega-Fische" (über 30 Kilogramm). Die Artenvielfalt im Süßwasser nehme doppelt so schnell ab wie in den Ozeanen oder Wäldern. Bereits 80 Arten von Süßwasserfischen seien laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion IUCN für "ausgestorben" erklärt worden, darunter allein 16 im Jahr 2020.

Der Bericht über die "vergessenen Fische" nennt als Begründung die "verheerende Kombination von Bedrohungen", denen Süßwasser-Ökosysteme ausgesetzt sind. Dazu gehören die Zerstörung von Lebensräumen, Wasserkraft-Staudämme an frei fließenden Flüssen, die übermäßige Entnahme von Wasser für die Bewässerung sowie die Verschmutzung durch Haushalte, Landwirtschaft und Industrie. Darüber hinaus seien Süßwasserfische auch durch Überfischung und destruktive Fischereipraktiken, die Einführung invasiver, nicht heimischer Arten und die Auswirkungen des Klimawandels sowie durch nicht nachhaltigen Sandabbau und Umweltkriminalität bedroht. So ist beispielsweise die illegale Wilderei für Kaviar ein Hauptgrund dafür, dass Störe zu den am stärksten bedrohten Artengruppen der Welt gehören, während der vom Aussterben bedrohte europäische Aal das am meisten gehandelte Tier ist.

Die Süßwasserfischerei bietet laut Bericht Nahrung für 200 Millionen Menschen und Lebensgrundlage für 60 Millionen Menschen. Die Fischerei habe einen Wert von über 31 Milliarden Euro, während die Freizeitfischerei über 82,3 Milliarden Euro generiere.

Weiter nichts Öffentliches zwischen EU und UK: Informelle Videokonferenz der Fischereiminister*innen

Noch steht nichts Endgültiges fest bei den Fangquoten für 2021 sowie für die Tiefseebestände für 2021 und 2022 ab April. Ganze 12 Minuten dauerte die Pressekonferenz zu den Ergebnissen der informellen Videokonferenz der Fischereiminister*innen am Montag. Der portugiesische Fischereiminister Ricardo Serrão Santos sprach für die Ratspräsidentschaft, EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius für die EU-Kommission. Abgesehen vom vielfach geäußerten Dank zu den Konsultationen in alle Richtungen (Santos) und dem Hinweis, dass den Mitgliedstaaten gut zugehört würde (Sinkevičius), steht nur fest, dass der Ausschuss der Ständigen Vertreter (AStV, COREPER) am 3. März das schriftliche Ergebnis debattieren und hernach entscheiden soll. Der EU-Kommissar ist allerdings "optimistisch, dass noch vor Ende März" eine Entscheidung zwischen der EU und Großbritannien herbeigeführt werde. Bis dahin gelten nämlich die im letzten Jahr vereinbarten vorläufigen Quoten in den britischen Gewässern, die sowohl die EU-Mitgliedstaaten als auch das Vereinigte Königreich nutzen. Sinkevičius betonte erneut, dass die Kommission sich an wissenschaftliche Ratschläge und die Ziele der Gemeinsamen Fischereipolitik halten wolle. Während des informellen Videocalls sprachen sich laut Ratspräsidentschaft mehrere Delegationen außerdem für einen raschen Abschluss der Verhandlungen zwischen der EU und Norwegen aus, um europäischen Flotten den Zugang zu norwegischen Gewässern zu ermöglichen.

Fischereiausschuss im EU-Parlament (PECH)

Der Ausschuss beschäftigte sich am Montag unter anderem mit Auswirkungen von Abfällen im Meer auf die Fischerei. Den Bericht dazu verfasste Berichterstatterin Catherine Chabaud (Frankreich, Renew) [2019/2160 (INI)]. Der Chabaud-Bericht wurde mit großer Mehrheit angenommen, die Abgeordneten forderten unter anderem strengere Maßnahmen für Einwegplastik und das Recyceln von Fischernetzen (siehe Tweet von @EP_fisheries). Auch der neue Europäische Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds (European Maritime, Fisheries and Aquaculture Fund - EMFAF) für die Zeit von 2021-2027 wurde gebilligt (Tweet).

Zudem wurde der Initiativbericht "Herausforderungen und Chancen für die Fischerei im Schwarzen Meer" von Ivo Hristov (Bulgarien, S&D) [2019/2159 (INI)] diskutiert. Zwar haben nur Bulgarien und Rumänien dort Küstenabschnitte, allerdings müssten viele Belange mit anderen Drittstaaten abgestimmt werden. Zudem sei die Entwicklung der Fischbestände und die zunehmende Umweltverschmutzung dramatisch. Es gebe zu wenig länderübergreifende Quotenregelungen, um die acht kommerziell befischten Fischarten zu schützen, zu Beifängen sei kaum etwas beschlossen, so Berichterstatter Hristov. Besonders der Stör sei bedroht, bisher habe nur die Türkei ein Verbot ausgesprochen.

Die Vertreterin der EU-Kommission Valerie Laine berichtete, dass von 380.000 Tonnen gefangenem Fisch fünf Prozent in Bulgarien und Rumänien landeten. Allerdings fahren von den 11.000 Schiffen im Schwarzen Meer immerhin 1.400 unter bulgarischer und 138 unter rumänischer Flagge. Es gebe Probleme mit illegaler Fischerei und Überfischung, weshalb es regionale Bewirtschaftungspläne geben müsse.

Voraussichtlich im April oder Mai soll der Bericht abgestimmt werden. Das Fischereipartnerschaftsabkommen mit Grönland wurde außerdem besprochen, das voraussichtlich Mitte März unterzeichnet werden soll. [jg]

WWF-CEE-Pressemitteilung: World's forgotten fishes vital for hundreds of millions of people but 1/3 face extinction, warns new report und der Bericht "The world's forgotten fishes"

Seite des EU-Fischereirates und Pressekonferenz zu den Ergebnissen der informellen Videokonferenz

Seite des Fischereiausschusses im EU-Parlament (PECH):



„Wir brauchen jetzt eine schnelle Einigung. Es geht um Planungssicherheit und einen geordneten Übergang für unsere Fischereifamilien. Sie müssen wissen, wieviel Fisch sie ab April aus dem Meer holen dürfen. Wir sollten dabei anknüpfen an die gute Balance, die wir bei den vorläufigen Quoten gefunden haben. Wichtig ist uns eine nachhaltige Bewirtschaftung und Fischbestände, die sich gut regenerieren. Gleichzeitig gehört zur Nachhaltigkeit auch immer die sozioökonomische Frage. Unsere Fischer müssen von ihren Fängen auch leben können.“ [Pressemitteilung]

Staatssekretärin Beate Kasch, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

30x30: Hoffnung fürs Mittelmeer

Der WWF hat berechnet, was für Auswirkungen es hätte, wenn bis 2030 tatsächlich 30 Prozent der MIttelmeerfläche unter Schutz stünde. Ein wirksamer Schutz könnte aussterbenden Fischarten und der marinen Artenvielfalt einen "massiven Schub" geben, so die Organisation. Heute seien nur 9,68 Prozent des Mittelmeers als Schutzgebiete ausgewiesen, wobei nur 1,27 Prozent auch tatsächlich effektiv geschützt sind. Ein effektiver Schutz von 30 Prozent des Mittelmeers in bestimmten Gebieten und eine nachhaltige Bewirtschaftung im Rest des Beckens könne aber dazu führen, dass kommerzielle Fischbestände wieder zunähmen und gleichzeitig die Erholung des gesamten marinen Ökosystems unterstützten. Im westlichen Mittelmeer könnte beispielsweise die Biomasse von Raubfischarten wie Haie um bis zu 45 Prozent zunehmen, die von kommerziellen Arten wie Zackenbarschen um die Hälfte und die des Europäischen Seehechts könnte sich sogar verdoppeln. Sogar der Rote Thunfisch, die kommerziell wertvollste Population des Mittelmeers, könnte laut WWF-Analyse seine Biomasse potenziell auf einen rekordverdächtigen Anstieg von bis zu 140 Prozent steigern. Weiterlesen

IGB: Fischerei fördert kleine, scheue Fische

Wer immer die größten Hechte aus einer Population herausfischt, verändert langfristig Verhalten und Fangbarkeit des gesamten Bestandes. Das ist das Ergebnis einer Studie des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) am Beispiel von Hechten in Brandenburgs Gewässern. Über die Fischerei würden vor allem größere und aktivere Fische aus Populationen herausgefangen. Damit wirke das Fischen als Selektionsfaktor, der scheue Fische bevorteilt. Diese Förderung eher kleiner und insgesamt schlechter fangbarer Fische habe Konsequenzen für die Qualität der Fischerei und erschwere es, die Entwicklung der Fischbestände genau zu erheben. Weiterlesen