Wasser & Meere

Protest und Freude: Wasserkraft und Biosphärenreservat

23.09.2021

c. pixabay

300 Organisationen aus 69 Ländern protestieren gegen staatliche Förderung von Wasserkraft als "nachhaltig". Der "Amazonas Europas" – das Flussgebiet von Mur, Drau und Donau – ist das erste über fünf Staaten reichende UNESCO-Biosphärenreservat.

Keine Gelder für falsche Lösungen – die Rivers for Climate Global Declaration

Wenn im November in Glasgow die nächste UN-Klimakonferenz (COP26) stattfindet, dürfen die knappen Gelder für Klimaschutz nicht in Wasserkraftprojekte fließen – das fordern 300 Akteure aus Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaft, Naturschutz und Organisationen indigener Gemeinschaften in einer gemeinsamen Erklärung.

"Wasserkraft ist keine saubere Energie. Wir befinden uns an einem beispiellosen Punkt in der Geschichte, an dem wir mit einer dreifachen Bedrohung konfrontiert sind: einer ausufernden Klimakrise, einem massiven Verlust der Artenvielfalt und einer globalen Pandemie", sagte Chris Wilke von Waterkeeper Alliance. 
 
Die Förderung und Ausweitung des Baus von Wasserkraftwerken könne den katastrophalen Klimawandel nicht verhindern, sondern würde die Klimakrise durch die Explosion der Methanemissionen und die Fehlleitung knapper Klimagelder unter dem "falschen Vorwand der Nachhaltigkeit" weg von sinnvolleren Energie- und Wasserlösungen noch verschlimmern. Dabei kämpfe die Welt bereits jetzt mit den schwerwiegenden Auswirkungen des Klimawandels. In der Erklärung heißt es sinngemäß:

"Frei fließende Flüsse, Feuchtgebiete und natürliche Seen haben einen immensen Wert für das Wohlergehen der Ökosysteme, für die Menschheit und für das Überleben auf unserem Planeten und müssen deshalb besonders geschützt werden. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Bindung von Kohlenstoff und der Stärkung der Klimaresistenz, doch Wasserkraftwerke hindern die Flüsse daran, diese wichtigen Funktionen zu erfüllen. Staudämme sind anfällig für den Klimawandel und werden durch die sich verändernde Hydrologie noch stärker beeinträchtigt. Der Bau weiterer Staudämme wird die Methanemissionen genau zu dem Zeitpunkt verstärken, zu dem sie laut Weltklimarat IPCC drastisch reduziert werden müssen. Der Ausbau der Wasserkraft ist unvereinbar mit den Bemühungen, die Biodiversitätskrise zu bewältigen. Beim Bau von Wasserkraftwerken werden regelmäßig die Menschenrechte der betroffenen Gemeinschaften, insbesondere der indigenen Völker, verletzt."

Erst vor Kurzem waren die weltweit ersten Wasserkraftstandards vorgestellt und von Umweltorganisationen kritisiert worden, weil sie die verheerenden negativen Auswirkungen des Sektors auf die Ökosysteme und die biologische Vielfalt in Europa nicht verhindern könnten (EU-News 09.09.2021).

Der "Amazonas Europas" wird Modellregion

Mitte September hat die UNESCO zum ersten Mal ein sich über fünf Staaten erstreckendes Gebiet zum Biosphärenreservat erklärt. Nach einem 20-jährigen Prozess ist das neue Biosphärenreservat Mur-Drau-Donau (MDD) – der sogenannte Amazonas Europas – das größte geschützte Flussgebiet Europas und eine Modellregion für Naturschutz und nachhaltige Entwicklung geworden. Das MDD-Biosphärenreservat erstreckt sich über Österreich, Slowenien, Kroatien, Ungarn und Serbien. Es umfasst nach Angaben des WWF Zentral- und Osteuropa (CEE) 700 Kilometer der Flüsse Mur, Drau und Donau und eine Gesamtfläche von 930.000 Hektar. Damit stelle das Gebiet einen wichtigen Beitrag zum europäischen Green Deal dar und trage zur Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie in der Mur-Drau-Donau-Region bei.

Riesige Auwälder, Flussinseln, Schotter- und Sandbänke, Seiten- und Altarme beherbergen laut WWF Österreich eine Vielzahl gefährdeter Arten. So brüteten Seeadler (150 Paare) und Schwarzstörche in den Auwäldern, auf den Kies- und Sandbänken finde man Flussregenpfeifer, Triel und die extrem bedrohte Zwergseeschwalbe. Die natürlichen Uferabbrüche seien Lebensraum für Uferschwalbe und Bienenfresser und in den drei Flüssen selbst tummelten sich seltene Fischarten wie Sterlet, Wildkarpfen und Huchen. 45 Jahre lang habe der grüne Gürtel im MDD-Gebiet im Kalten Krieg als Grenze des Eisernen Vorhangs gedient und sei vor Verbauung und Zerstörung durch den Menschen einigermaßen geschützt. Doch seit 1989 hätten geplante Wasserkraftprojekte oder Flussregulierungen die wilde Flusslandschaft immer wieder bedroht, so der WWF Österreich. Nun schrieben die beteiligten Länder "Naturschutzgeschichte". [jg]

International Rivers: 300 organizations from 69 countries call on governments to not use climate funding for so-called “sustainable” hydropower schemes

WWF CEE: World’s first 5-country biosphere reserve will benefit people and nature in the ‘amazon of europe’

WWF Österreich: Hintergrundseite zum "Amazonas Europas"

und Pressemitteilung vom 15.09.2021