EEB-Bericht entlarvt Entkopplung als Mythos

Ist es möglich, ein stetiges Wirtschaftswachstum zu erzielen und dabei gleichzeitig die Umwelt zu schützen? Diese Frage ist immer wieder Gegenstand heftiger politischer Auseinandersetzungen zwischen VertreterInnen von grünem Wachstum (green growth) und Postwachstum. Im letzten Jahrzehnt hat grünes Wachstum die Politikgestaltung deutlich dominiert, da die politischen Agenden der Vereinten Nationen, der Europäischen Union und zahlreicher Länder auf der Annahme basieren, die Entkopplung von Umweltbelastungen und Wirtschaftswachstum könne künftig ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum schaffen.

In Anbetracht der Ausmaße dieser Fragestellung bedarf es einer sorgfältigen Analyse, um die wissenschaftlichen Grundlagen hinter der Entkopplungs-Theorie zu bewerten. Dieser Bericht berücksichtigt sowohl empirische Daten als auch theoretische Literatur, um die Aussagekraft der Entkopplungs-Theorie zu evaluieren. Das Ergebnis ist überraschend eindeutig und zugleich ernüchternd: Es gibt keine empirischen Beweise für eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums von der Umweltzerstörung, die auch nur annähernd den nötigen Wirkungen entsprechen würde, um eine ökologische Nachhaltigkeit zu schaffen. Außerdem fehlt es an Beweisen dafür, dass die Entkopplung in Zukunft überhaupt stattfinden könnte.

Es ist dringend notwendig, diese Erkenntnisse auf die politische Ebene zu tragen und in Ländern mit hohem Konsumniveau pflichtgemäß vom anhaltenden Streben nach Wirtschaftswachstum abzurücken. Konkret bedeutet dies, existierende politische Strategien zur Effizienzsteigerung mit Maßnahmen, die auf Suffizienz abzielen, zu ersetzen. Dafür ist die direkte Reduzierung der wirtschaftlichen Produktion in vielen Sektoren notwendig, die allerdings mit einer gleichzeitig erfolgenden Konsumreduktion stattfinden muss, um den BürgerInnen ein gutes Leben innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten ermöglichen zu können. Nur auf diesem Wege kann laut den AutorInnen dieses Berichts sowie laut den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen das Vorsorgeprinzip der EU berücksichtigt werden, welches besagt, dass Maßnahmen nicht durchgeführt werden dürfen, solange sie keinen eindeutigen wissenschaftlichen Konsens erlangt haben.

Die Tatsache, dass Entkopplung allein, beispielsweise ohne das Thema Wirtschaftswachstum aufzugreifen, bei Weitem nicht ausreichend war oder ist, um die Umweltbelastungen genügend zu reduzieren, ist aber kein Grund dafür, das Thema Entkopplung beziehungsweise die Maßnahmen zur Erreichung der Entkopplung (und zwar im wortwörtlichen Sinne der Trennung der Umweltbelastungskurve von der BIP-Kurve) komplett abzulehnen. Im Gegenteil: Ohne viele dieser Maßnahmen würde die heutige Situation weitaus schlechter aussehen. Sie gibt stattdessen Anlass zu großen Bedenken über den vorrangigen Fokus von grünem Wachstum in politischen Entscheidungsprozessen, welcher in erster Linie auf der fehlerhaften Annahme basiert, eine ausreichende Entkopplung könne durch eine reine Effizienzsteigerung ohne jegliche Eingrenzung wirtschaftlicher Produktion oder einer Konsumreduktion erreicht werden.

Erscheinungsdatum Online-Version: 09.07.2019

Offizielle Veröffentlichung: Oktober 2019 in Brüssel