„Je weniger Menschen Auto fahren, desto mehr Geld hat der Staat“

Der Verein Changing Cities bezeichnet sich selbst als „bunte und laute Bewegung für lebenswerte Städte“. Mit kreativen Aktionen inspirieren die Aktiven von Changing Cities Menschen dazu, Veränderungen selbst anzustoßen. Neben dem umweltfreundlichen Umbau unserer Städte steht im Mittelpunkt die Verkehrswende, vor allem die Förderung des Radverkehrs auf sicheren Wegen. Dazu sprachen wir mit Ragnhild Sørensen, Pressesprecherin bei Changing Cities.
Warum sollten Autofahrer*innen auf das Fahrrad umsteigen? Nennen Sie die wichtigsten Gründe dafür.
Radfahren hat viele Vorteile: Schon mit dem Schul- oder Arbeitsweg wird Bewegung in den Alltag integriert. Mein Vater hat nie Sport gemacht, aber die 14 Kilometer mit dem Fahrrad jeden Tag hielten ihn fit. Die geringen Kosten sind ein weiterer Vorteil: Ein Kompaktwagen kostet über die Lebenszeit 11.378 Euro pro Jahr: knapp 1.000 Euro pro Monat – für Sprit, Versicherung, Wertverlust, Reparaturen. Selbst ein teures E-Bike ist günstiger. Größter Vorteil ist jedoch der gesellschaftliche: Jeder der 49,5 Millionen zugelassenen Pkw kostet die Allgemeinheit jährlich circa 5.000 Euro für Infrastruktur, Umwelt-, und Gesundheitsschäden, also 247,5 Milliarden Euro. Jedes Jahr. Je weniger Menschen Auto fahren, desto mehr Geld hat der Staat für …? Ja, lasst uns darüber reden!
Fit für die Zukunft: Was muss politisch geschehen, damit über Deutschlands Straßen weniger Autos und mehr Zweiräder rollen, die keine Schadstoffe in die Luft pusten?
Das größte Hindernis für Menschen, aufs Fahrrad umzusteigen, ist die Verkehrssicherheit. Ohne sichere Radwege trauen sich nur die Mutigen – und die meisten von uns wollen zu Recht solche Risiken im Alltag nicht eingehen. Der Abstand zum Zielort ist viel weniger ausschlaggebend: Etwa 70 Prozent aller Wege, die mit dem Auto zurückgelegt werden, sind unter zehn Kilometer lang, 50 Prozent sind unter fünf Kilometer. Das sind Strecken, die viele Menschen problemlos mit dem Fahrrad zurücklegen können. Erforderlich sind ein sicheres Radnetz, sichere Kreuzungen, beleuchtete Wege und Abstellmöglichkeiten. Würden Politiker*innen dies finanzieren, stiegen die Menschen aufs Fahrrad um. Auch ein Teil des Wirtschaftsverkehrs, die sogenannte letzte Meile, kann effizient über Räder gelöst werden.

Welche Maßnahmen und Rahmenbedingungen braucht es, damit mehr deutsche Städte – auch Berlin – es unter die ersten 30 Plätze oder gar die Top Ten des Copenhagenize Index (News, 19.10.2026) schaffen?
In Berlin sind erst 6,1 Prozent des geplanten Radnetzes von 2.700 Kilometern fertig. Die Planungen für die über 100 Kilometer Radschnellverbindungen, die Pendler*innen zügig und sicher in die Stadt bringen sollten, sind eingestellt. Die Finanzierung für verkehrsberuhigte Viertel ist gestoppt. Der Autoverkehr dominiert überall, obwohl nur 22 Prozent der Wege mit dem Auto zurückgelegt werden. Anwohnerparken kostet immer noch 10,20 Euro pro Jahr. Viele Städte tun sich schwer, den öffentlichen Raum für den Umweltverbund, also Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr, zu priorisieren. Dabei ist das Auto oft nur Mobilitätsreserve – im Alltag sind Menschen anders unterwegs. Ein Gamechanger könnte ausgerechnet die Hitze sein: Städte müssen Straßen begrünen und entsiegeln, um Menschen zu schützen. Es wächst also die Erkenntnis, dass wir den öffentlichen Raum verändern müssen – die Städte lebenswerter gestalten.
(Interview: Marion Busch)
Die Interviewpartnerin
Ragnhild Sørensen ist Kommunikationswirtin und seit 2018 Pressesprecherin bei Changing Cities und hat jahrelang vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet.
Der Verein
Changing Cities fördert zivilgesellschaftliches Engagement für lebenswertere Städte: Sein bislang größtes Projekt ist der Volksentscheid Fahrrad in Berlin, mit dem es 2016 gelang, Bewegung in die Berliner Verkehrspolitik zu bringen und das bundesweit erste Mobilitätsgesetz anzustoßen.


