Raus aus dem Betondenken – auf dem Weg zur Mobilität von morgen

Als der ökologische Verkehrsclub VCD im Sommer 1986 gegründet wurde, war Mobilität jenseits des Autos für viele kaum denkbar. Als erste Organisation in Deutschland hat er sich für alle Mobilitätsarten eingesetzt: Vom Auto über Bus und Bahn bis hin zu Rad- und Fußverkehr. 40 Jahre VCD zeigen: Verkehrspolitik ist nicht in Beton gemeißelt. Trotzdem gibt es für die Mobilitätswende noch viel zu tun. Wo steht Deutschland heute – und wo können wir in 10 Jahren sein?
Seit 1986 hat sich die Verkehrspolitik spürbar verändert und wir sind der Mobilitätswende große Schritte nähergekommen. Vieles, wofür der VCD vor 40 Jahren eingetreten ist, ist heute längst Realität. Die Elektromobilität nimmt Fahrt auf, strenge Grenzwerte und Abgasstandards sorgen für sauberere Luft und mit dem Deutschlandticket gelang eine Revolution des Nah- und Regionalverkehrs: Zum ersten Mal gibt es eine Fahrkarte, mit der man bundesweit einfach in alle Busse und Bahnen einsteigen kann.
Unsere Verkehrsvision für 2036
Raus aus dem Betondenken bedeutet aber mehr, als Verbrenner durch E-Autos zu ersetzen. Es bedeutet: Mobilität nicht länger vom Auto her zu denken, sondern von den Menschen. Dafür braucht es den Mut, Entscheidungen zu treffen, die den öffentlichen Raum gerechter verteilen, zu Fuß gehen und Radfahren attraktiver und sicherer machen und für ein gutes ÖPNV-Angebot für alle sorgen. Gerade in politisch und wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist das entscheidend, denn Mobilität schafft Teilhabe, Lebensqualität und trägt dazu bei, die Lebensgrundlage für künftige Generationen zu erhalten.

Einige Entwicklungen machen Hoffnung: Bereits im Jahr 2030 werden E-Autos den größten Anteil der Neuzulassungen ausmachen. 2036 sind die Pkw- und Lkw-Flotten voraussichtlich weitgehend elektrisch unterwegs. Das Rückgrat der Verkehrswende bildet aber mehr denn je der öffentliche Verkehr. Es braucht erhebliche und gezielte Investitionen, um das Angebot weiter auszubauen, die Bahn wieder zuverlässig zu machen und Schritt für Schritt den Deutschlandtakt umzusetzen. Nur so können die nationalen und internationalen Klimaschutzziele im Verkehrssektor erreicht werden.
Auch auf dem Land darf die Mobilität nicht länger vom Auto abhängen: Es müssen wieder mehr Orte an die Schiene angebunden werden. Rufbusse, Sharing- und Pooling-Dienste sowie sichere Rad- und Fußwege ergänzen den ÖPNV und ermöglichen Flexibilität. Eine solche Mobilitätsgarantie fordert der VCD schon lange. Voraussetzung dafür ist die langfristige und verlässliche Finanzierung der Schiene: Ein Eisenbahninfrastrukturfonds trägt dazu bei, dass das Schienennetz saniert und weiter ausgebaut werden kann. Dieser muss nun auch kommen.
Auch über Deutschland hinaus wird sich vieles verändern: Neue Nachtzugverbindungen bieten in Europa attraktive Alternativen zum Fliegen. Gerade erst wurden weitere Direktverbindungen ins europäische Ausland angekündigt, unter anderem nach Rom und Mailand. Damit internationale Bahnreisen einfacher werden, braucht es einheitliche Standards und unkomplizierte Buchungs-systeme. Das von der EU-Kommission vorgeschlagene „Fahrgastpaket“ ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Die kommenden zehn Jahre bieten zudem die Chance, den Fuß- und Radverkehr zu stärken und der Vision Zero – dem Ziel von null Verkehrstoten – näherzukommen. Dafür braucht es niedrigere Geschwindigkeiten, eine fehlerverzeihende Infrastruktur und weniger Autoverkehr. Der VCD setzt sich mit Nachdruck für Tempolimits ein: 120 Stundenkilometer (km/h) auf Autobahnen, 80 km/h auf Landstraßen und 30 km/h innerorts. Auf Autobahnen und Landstraßen hat sich hier von politischer Seite seit den 1980er-Jahren erschreckend wenig bewegt.
Dafür geht es an anderer Stelle voran: Mit der Novelle der Straßenverkehrsverordnung (StVO) von 2025 haben Kommunen mehr Freiheit für Tempo-30-Zonen und Maßnahmen für besseren Fuß- und Radverkehr sowie mehr Barrierefreiheit. Wie schnell sich dadurch vor Ort etwas verändern kann, zeigt das Beispiel der Schulstraßen: Seitdem der VCD gemeinsam mit dem Deutschen Kinderhilfswerk und dem Kidical-Mass-Bündnis 2023 ein Rechtsgutachten veröffentlicht hat, ist die Zahl der Schulstraßen in Deutschland um das Zwanzigfache auf mehrere hundert gestiegen – in zehn Jahren könnten es mehrere tausend sein.
Nächster Halt: Der VCD-Mobilitätskongress am Gründungsort Bonn
Es lohnt sich, diese positiven Entwicklungen und Zukunftsbilder vor Augen zu haben. Es gibt Energie zu sehen, wo Veränderung gelungen ist und wie mutige Entscheidungen die Lebensqualität verbessern. Wie aus Visionen konkrete Ergebnisse werden können, darüber diskutieren wir beim VCD-Mobilitätskongress am 6. November in Bonn. VCD-Mitglieder sowie Fachleute aus Politik, Wissenschaft und Praxis kommen zusammen, um Vorreiterprojekte vorzustellen, politische Spielräume für eine bessere Mobilität auszuloten und zu debattieren, wie die Mobilitätswende gelingen kann. Natürlich feiern wir dabei auch 40 Jahre VCD – mit Blick auf das Erreichte und auf die kommenden Jahre.
Die Autorin
Dr. Christiane Rohleder ist Bundesvorsitzende des VCD. Die Verkehrswende ist ihr ein Herzensanliegen, zumal der Klimaschutz hier noch ganz besonders hinterherhinkt.


