Menü
Dachverband der deutschen Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen
EU-News | 02.12.2021
#Biodiversität und Naturschutz #Landwirtschaft und Gentechnik #Chemikalien

Kritik an Glyphosat-Bewertungsprozess und gesellschaftliche Kosten der Pestizidindustrie

Unkrautbekämpung
© AdobeStock/Countrypixel
Traktor versprüht Pestizide

Umweltorganisationen und Wissenschaftler*innen mahnen fehlende Wissenschaftlichkeit und Unausgewogenheit in der vergangenen und der derzeit laufenden Risikobewertung des Herbizids Glyphosat an. Die Pestizidindustrie verursacht hohe gesellschaftliche Kosten.

Umstrittene Glyphosat-Bewertung

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) bewerten derzeit erneut die Risiken von Glyphosat, dessen Zulassung Ende 2022 ausläuft. Bis Ende November sammelten sie Input dazu in Form von öffentlichen Konsultationen. Der Bewertungsbericht, in dem die Behörden erklären, wie sie die Toxizität von Glyphosat bewerten wollen, sei laut der Health and Environment Alliance (HEAL) jedoch nicht ausgewogen: So beruhe er „überwiegend auf Studien und Argumenten der chemischen Industrie“ und berücksichtige nicht alle verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse, zum Beispiel mögliche schädliche Auswirkungen von Glyphosat auf die menschliche DNA oder vergangene Fehlinterpretationen verschiedener Studien.

Die Fehler der Vergangenheit würden wiederholt, stellt HEAL fest: Wie bereits bei der Risikoprüfung für die laufende Zulassung würden die gesundheitlichen Auswirkungen von Glyphosat diskreditiert oder ohne wissenschaftliche Begründung als irrelevant eingestuft. Die Organisation rief die EU-Institutionen und die Mitgliedstaaten auf, „alle verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse objektiv zu prüfen und die Ergebnisse der unabhängigen Literatur in die Bewertung einfließen zu lassen, die eindeutig zeigen, dass Glyphosat Krebs verursachen kann und gefährlich für die menschliche Gesundheit ist.“

Bereits vor einigen Monaten hatten Wissenschaftler*innen die Zulassungsbewertung von 2015 kritisiert. Die Studien, auf denen die Bewertung basiert, seien methodisch nicht korrekt gewesen, erklärten sie in einer Analyse. Nur zwei der 53 eingereichten Studien zur Genotoxizität von Glyphosat erfüllten die notwendigen wissenschaftlichen Anforderungen und seien somit zuverlässig gewesen, schreiben die Wissenschaftler*innen. 17 Studien seien immerhin „teilweise zuverlässig“. 34 Studien bewerten sie jedoch als „nicht zuverlässig“. Diese von Herstellern eingereichten Untersuchungen über die genotoxischen - also erbgutverändernden - Wirkungen von Glyphosat bildeten die Grundlage für die Zulassungsprüfung des Pestizids (siehe EU-News vom 7.7.).

Hohe Kosten der Pestizidindustrie

Welche finanziellen Schäden die gesamte Pestizidindustrie für die Gesellschaft verursacht, ist Gegenstand einer neuen, von französischen Organisationen in Auftrag gegebenen Studie. Dem Bericht zufolge verursacht der Pestizideinsatz in der EU jährliche Kosten von 2,3 Milliarden Euro. Demgegenüber stünden Gewinne der Branche in Höhe von 940 Millionen Euro. Die Verfasser*innen stellen aufgrund der Ergebnisse ihrer Kosten-Nutzen-Analyse den grundsätzlichen sozialen und ökonomischen Nutzen der Pestizidproduktion und des Pestizideinsatzes in Frage: „Ohne staatliche Beihilfen für den Pestizidsektor und ohne unsere kollektive Übernahme der Kosten, die mit den negativen Folgen verbunden sind, wäre der Sektor heute nicht rentabel“, so das Bureau for the Appraisal of Social Impacts for Citizen Information (BASIC), eine an der Studie beteiligte Beratungsorganisation. Zu den Kosten, die von der Gesellschaft getragen werden, zählen öffentliche Ausgaben im Zusammenhang mit schädlichen Auswirkungen von Pestiziden und öffentliche Subventionen. [km]

HEAL: Glyphosate: EU toxicity assessment report still fails to address health risks of world’s most-used pesticide

Dr. Helmut Burtscher Schaden: How can EU authorities say that glyphosate is not genotoxic?

BASIC: Pesticides: A model that’s costing us dearly

Studie Pesticides: A model that’s costing us dearly

BUND zur Glyphosat-Konsultation

Totalherbizid: "Gefahr für Artenvielfalt und menschliche Gesundheit"

Der BUND hat sich an der öffentlichen Konsultation der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA und der Europäischen Chemikalienagentur ECHA zu Glyphosat beteiligt, die am 22. November auslief. Nach Ansicht der Umweltorganisation und basierend auf wissenschaftlichen Daten wirke sich das Mittel negativ auf die Biodiversität aus und sei eine Gefahr für die menschliche Gesundheit. Deshalb dürfe es nach 2022 in der Europäischen Union nicht wieder zugelassen werden. In der EU sei die Genehmigung von Pestizid-Wirkstoffen zeitlich begrenzt und müsse in regelmäßigen Abständen von der EU überprüft werden. Die im Jahr 2017 für fünf Jahre verlängerte Zulassung von Glyphosat laufe Ende 2022 aus. Weiterlesen

Das könnte Sie interessieren