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Landwirtschaft und Ernährung: Klima-Beirat warnt vor Risiken
EU-News | 26.03.2026
#Klima und Energie #Landwirtschaft und Gentechnik

Landwirtschaft und Ernährung: Klima-Beirat warnt vor Risiken

Schweineherde auf engstem Raum im Transporter
© Foto: Adobe Stock 277893631

Der Europäische Wissenschaftliche Beirat für Klimawandel (ESABCC) warnt, dass die gesamte Wertschöpfungskette der Agrar- und Ernährungssysteme der EU zunehmend durch den Klimawandel bedroht ist, und gibt Empfehlungen für entsprechende Politikveränderungen. Umweltverbände teilen die Einschätzung und fordern wie der ESABCC die Berücksichtigung des Themas in langfristigen EU-Politikbereichen wie Finanzierung, Landwirtschaftspolitik und Klimazielen.

Ein am 11. März veröffentlichter Bericht zum Thema „Klimaanpassung und Klimaschutz im Agrar- und Ernährungssystem“ enthält „Empfehlungen für eine kohärente EU-Politik“. Das ist auch nötig, denn aus Sicht des für den Klimawandel zuständigen Beirats ESABCC gibt es von der Düngemittelproduktion bis hin zum Lebensmittelkonsum noch viel zu tun. Immerhin verursacht der Sektor rund ein Drittel der Treibhausgasemissionen, ist gleichzeitig aber von sicheren Klimabedingungen hochgradig abhängig.

ESABCC: „Klimaschutz muss beschleunigt werden“

Das Agrar- und Ernährungssystem der EU macht laut ESABCC kaum Fortschritte, um die Klimaziele der EU für 2040 und 2050 zu erreichen, obwohl sich die Klimarisiken in diesem Sektor stets verschärfen. Die bestehenden politischen Maßnahmen reichten nicht aus, um den notwendigen Wandel herbeizuführen und klimabedingte Risiken für Landwirtschaftsbetriebe und die Ernährungssicherheit anzugehen. Die anstehenden Überarbeitungen des EU-Haushalts, der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und des Klimarahmens 2031–2040 böten „entscheidende Gelegenheit“, die Agrarpolitik neu auf die Klimaziele auszurichten.

Es seien aber ein grundlegender systemischer Wandel und stärkere politische Anreize vonnöten, um mehr Klimaresilienz zu erreichen. Geringfügige Verbesserungen allein durch Technologien und landwirtschaftliche Praktiken seien nicht ausreichend, um Produktions- und Konsummuster sowie die Landnutzung entsprechend auszurichten. Der Übergang müsse schrittweise und gerecht erfolgen, mit gezielter Unterstützung für Landwirt*innen und Regionen, die vor den größten Anpassungsherausforderungen stehen, so der ESABCC.

Um den Wandel zu ermöglichen und zu verstetigen, spricht der Wissenschaftliche Beirat sechs Empfehlungen aus:

  1. Schrittweiser Abbau von GAP-Zahlungen, die besonders treibhausgasintensive Praktiken begünstigen, bei gleichzeitiger Entwicklung alternativer Instrumente zur Einkommensstützung im Einklang mit den Klimazielen.
  2. Einführung einer Treibhausgasbepreisung für das Agrar- und Ernährungssystem auf Grundlage des Verursacherprinzips, das schrittweise und adaptiv angewandt wird. Die Einnahmen sollen Landwirtinnen und Landwirte unterstützen sowie CO₂-Entnahmen vergüten.
  3. Gezielte Unterstützung, um Landwirtinnen und Landwirten den Übergang zu erleichtern und finanzielle sowie wissensbezogene Hürden abzubauen.
  4. Stärkung der Instrumente, die Landwirtinnen und Landwirten helfen, unvermeidbare Klimafolgen zu bewältigen.
  5. Förderung gesunder, klimafreundlicher Ernährungsweisen und Reduzierung von Lebensmittelabfällen.
  6. Sicherung einer ausreichenden und rechtzeitigen öffentlichen Finanzierung des Wandels.

Unterstützung und Kritik aus der Umweltszene

Sven Harmeling vom Klima Aktionsnetzwerk CAN Europe nannte den 300-seitigen Bericht des Beirates „wegweisend“. Zwar nehme dieser keine eindeutige Position zu den Emissionsminderungszielen für die Landwirtschaft bis 2040 ein, hebe jedoch hervor, dass „die verfügbaren Szenarien darauf hindeuten, dass eine systemische Umstellung die Nicht-CO₂-Emissionen der Landwirtschaft bis 2040 (im Vergleich zu 2005) um mehr als ein Drittel senken könnte“. Dies könnte aus Sicht Harmelings als Grundlage für politische Diskussionen und Vorschläge der EU-Kommission zur Rolle der Landwirtschaft bei der Erreichung des 2040-Klimaziels der EU dienen, wobei der Schwerpunkt auf den Emissionen aus der Tierhaltung liege.

Der WWF unterstützte die Einschätzung des ESABCC, dass man das Verursacherprinzip ernst nehmen und „dem Geld nachgehen“ müsse. Schädliche Subventionen müssten gestoppt und durch eine Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik auf Klimamaßnahmen umgelenkt werden. Die Organisation verwies auch auf eigene, ähnlich angelegte Empfehlungen, um die europäischen Agrar- und Ernährungssysteme auf Klimakurs zu bringen. 

Der zivilgesellschaftliche Think Tank Carbon Market Watch (CMW) begrüßte den politikübergreifenden Ansatz des Beirates, warnte aber auf LinkedIn davor, die Bepreisung von Emissionen in der Landwirtschaft als Allheilmittel zu sehen. Ohne eine entsprechend auf Vermeidung abzielende, lückenlose Ausgestaltung könnte sich dies als „Büchse der Pandora“ entpuppen. Gratis-Zertifikate im jetzigen Emissionshandel hätten nicht nur zu höheren Emissionen geführt, sie ließen sich – einmal im System – auch nur schwer wieder abschaffen. Letztendlich könne dies zu Einnahmeausfällen in Milliardenhöhe führen, die sonst in den Sektor und andere Formen des Klimaschutzes zurückfließen würden, so die Organisation. Weiterer CMW-Kritikpunkt: Die Einrichtung eines erweiterten Preissystems mit Einbeziehung von Carbon-Farming-Gutschriften, obwohl diese langfristig „kaum bis gar keinen Klimanutzen“ hätten und methodisch fragwürdig seien (CMW-Positionspapier).

Das Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) betonte, dass das Lebensmittel- und Agrarsystem als einer der Hauptverursacher von Treibhausgasen die Klimaproblematik verschärfe. Ohne strukturelle Veränderungen könne die EU ihre Klimaziele nicht erreichen und laufe Gefahr, sich „auf ungewisse, kostspielige und riskante technische Lösungen und Technologien zur Kohlenstoffentfernung festzulegen“, was erhebliche Risiken beinhalte. Damit dieser Wandel gelingt, bräuchten die Landwirte*innen „Unterstützung, klare Leitlinien und ein nachhaltiges politisches Engagement“. Außerdem sei eine Abkehr vom derzeitigen Umfang und Ausrichtung der industriellen Tierhaltung „unumgänglich", erklärte Sophie Scherger vom IATP.  

Nun bleibt abzuwarten, ob die politischen Entscheidungen sich an den wissenschaftlichen Empfehlungen orientieren oder nicht. [jg]

ESABCC: EU’s agri-food system must prepare for rising climate risks and accelerate emission reductions 

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