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Neue Gentechnik: Proteste vor EU-Parlament geplant
EU-News | 09.06.2026
#Landwirtschaft und Gentechnik

Neue Gentechnik: Proteste vor EU-Parlament geplant

Megaphon im Großformat, im hintergrund (unscharf) eine Demonstration
© AdobeStock / gankevstock

Nicht nur bäuerliche Betriebe, auch Lebensmittelhersteller, Imker-, Umwelt- und Menschenrechtsverbände schlagen Alarm. Die europäischen Abgeordneten stimmen in Kürze über einen Gesetzesentwurf über mit Neuer Gentechnik (NGT) hergestellte Pflanzen ab. 68 Organisationen sehen bisher geltende Sicherheitsnormen wie Kennzeichnung, Rückverfolgbarkeit und Risikoprüfung in Gefahr rufen zur Demonstration im französischen Strasbourg auf. 

Interview mit Annemarie Volling, AbL

Der Gesetzesvorschlag für NGT-Pflanzen, die beispielsweise mit CRISPR/Cas und andere neue Verfahren hergestellt wurden, ist kurz vor der womöglich entscheidenden Abstimmung im EU-Parlament (Verfahrensdokument). Der Umweltausschuss ENVI tagt am Abend des 15. Juni, das Plenum des gesamten EU-Parlaments soll zwei Tage später über den Rechtsakt abstimmen. Schon im Dezember war der erzielte Kompromiss der gesetzgebenden Organisationen von zahlreichen Verbänden kritisiert worden (EU-News 04.12.2025). Ein breites Bündnis hat nun zu Protesten am 16. Juni nach Strasbourg aufgerufen. Auch der Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring unterstützt den Aufruf. Annemarie Volling ist Teil des Organisationsteams, das den Protest in Strasbourg vor dem Parlament organisiert.

Frau Volling, was empört Bauern- und Umweltorganisationen so an der geplanten neuen Gentechnik-Regelung?

Am 17. Juni wird das Europaparlament über die vorgeschlagene, völlig inakzeptable Deregulierung von Pflanzen abstimmen, die mit Verfahren sogenannter Neuer Gentechnik, kurz NGT, hergestellt wurden. Sollte dieses Gesetz so verabschiedet werden, würden wesentliche EU-Sicherheitsvorkehrungen für knapp 90 Prozent aller zu erwartenden NGT-Pflanzen wegfallen. Das bedeutet: Keine verpflichtende Risikoprüfung für NGT-Pflanzen. Kein Schutz vor Gentechnik-Verunreinigungen und keine Haftungsregeln im Schadensfall. Keine verpflichtenden Nachweisverfahren. Keine Rückholbarkeit der NGTs aus der Umwelt. Keine Kennzeichnungspflicht vom Endprodukt und damit keine Wahlfreiheit für Verbraucher*innen. NGT-Pflanzen könnten ungewollt und unkontrollierbar in unser Saatgut, auf unsere Felder und in unsere Lebensmittel gelangen – ohne dass wir davon wissen. Das widerspricht völlig einem wichtigen Schutzstandard in Europa: dem EU-Vorsorgeprinzip. Gerade für Züchter*innen, Bäuer*innen, Imker*innen und Verarbeitungsunternehmen ist dies ein Riesenproblem, weil wir dann die gentechnikfreie Lebensmittelerzeugung nicht mehr sicherstellen können, weder ökologisch noch konventionell. Und weil Patente unsere zukünftige Züchtung und Lebensmittelerzeugung massiv bedrohen. Deshalb haben aktuell über 2.000 Unternehmen aus der Lebensmittelbranche einen Appell an das Europaparlament geschickt, damit dieses den inakzeptablen Gesetzesentwurf stoppt.

Portrait von Annemarie Volling von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL)
NGT-Pflanzen könnten ungewollt und unkontrollierbar in unser Saatgut, auf unsere Felder und in unsere Lebensmittel gelangen – ohne dass wir davon wissen. Das widerspricht völlig einem wichtigen Schutzstandard in Europa: dem EU-Vorsorgeprinzip.
Annemarie Volling
Referentin für gentechnikfreie Landwirtschaft bei der Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft (AbL)

Wieso sollten mich als Kundin im Supermarkt die Verhandlungen zu diesem Gentechnikgesetz im fernen Brüssel und Straßburg interessieren?

Wenn Sie sich zu Hause beispielsweise Spagetti mit Tomatensauce zubereiten wollen, möchten Sie ja vielleicht wissen, ob dann auf Ihrem Mittagstisch gentechnisch veränderte Lebensmittel stehen oder nicht. Im Moment ist das relativ klar. Werden in Produkten Zutaten verwendet, die aus Gentechnik-Pflanzen sind oder daraus hergestellt wurden, dann muss dies am Endprodukt gekennzeichnet werden. So haben wir die Wahlfreiheit und können selbstbestimmt entscheiden: Will ich Produkte ohne oder mit Gentechnik essen? Wenn aber das Gesetz in der jetzigen Form beschlossen wird, fällt die Kennzeichnungspflicht am Endprodukt weg. Und damit verlieren wir unsere Wahlfreiheit. Gentechnik wird uns aufgezwungen. Das aber wollen die allermeisten Verbraucher*innen verständlicherweise nicht. Umfragen zeigen, dass ein Großteil der Verbraucherinnen und Verbraucher gentechnikfreie Produkte einkaufen möchte [Foodwatch (2023), VLOG (2025)]. Das Parlament sollte den Wunsch der Verbraucher*innen respektieren und die Kennzeichnungspflicht sicherstellen.

Was ist am 16. Juni geplant?

Bauern-, Züchter-, Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen werden von 8 bis 12 Uhr vor dem Europäischen Parlament in Straßburg demonstrieren und die EU-Abgeordneten empfangen. Wir wollen den Gesetzesentwurf zur Deregulierung von Neuen Gentechnik-Pflanzen stoppen und bestehende transparente, demokratische und vorsorgliche Gentechnik-Regeln in Europa verteidigen. Es wird Redebeiträge der inzwischen über 60 aufrufenden Organisationen geben, wir hoffen auf eine große Beteiligung zu Fuß und auf Traktoren. Und natürlich werden wir uns vor Ort mit Informationen und Gesprächen an die Europaparlamentarier*innen wenden, damit sie diesen gefährlichen Deal ablehnen oder mindestens bestimmte Änderungsanträge unterstützen. 

Als Verbraucherinnen und Verbraucher haben wir das Recht zu wissen, was auf unserem Teller liegt. Auch Menschen, die in Zucht-, Landwirtschafts- oder Verarbeitungsbetrieben arbeiten – egal ob konventionell oder biologisch – müssen das Recht und die Möglichkeit haben, auch in Zukunft gentechnikfrei zu erzeugen. Und es braucht Haftungsregelungen nach dem Verursacherprinzip. Wer auf Neue Gentechniken setzt, muss auch für Schäden an der Umwelt, bei Menschen oder Tieren oder für wirtschaftliche Schäden aufkommen. Patente auf Leben – auf Saatgut, deren Produkte und genetische Eigenschaften – müssen rechtswirksam verboten werden, denn sonst wird es eine vielfältige Saatgutzüchtung nicht mehr geben und es drohen immense Abhängigkeiten von multinationalen Gentechnik-Konzernen. Europa sollte hier unabhängig bleiben. Deshalb: Kommen Sie nach Strasbourg und helfen Sie mit, den NGT-Gesetzesentwurf zu stoppen.

[Interview: Juliane Grüning]

Die Interviewpartnerin 

Annemarie Volling ist Referentin für gentechnikfreie Landwirtschaft bei der Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft (AbL) e.V. mit Sitz in Berlin.