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Strukturen ändern, nicht die Frauen!
News | 09.10.2026
#Biodiversität und Naturschutz #Klima und Energie #Politik und Gesellschaft

Strukturen ändern, nicht die Frauen!

Eine Frau hält einen Vortrag auf einer Bühne
© DNR/Melissa Ihlow
Nur Mut, gegen Konventionen zu verstoßen: Die Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung Dr. Jutta Allmendinger spricht zu Frauen im Naturschutz

She Leads Nature – so heißt das neue Berliner Forum für Female Leadership im Naturschutz. Die Moderatorin Adréana Hess, Referentin für Kommunikation beim DNR, und Dr. Jutta Allmendinger, Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und ehemalige Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) bewiesen an dem Abend größtmögliche Flexibilität, denn die Deutsche Bahn machte dem ursprünglichen Zeitplan einen Strich durch die Rechnung.

Wegen der Sanierung der Bahnstrecke zwischen Berlin und Hannover brauchen die Züge nun fast anderthalb Stunden länger. Und Jutta Allmendinger musste am Abend noch zurück und deshalb eine Stunde früher los als vorgesehen. Diese Zeit nutzten sie und die Teilnehmerinnen – in der Tat waren es fast nur Frauen – perfekt.

In Arbeitsgruppen am Ende der Veranstaltung diskutierten sie etwa Fragen wie: In welchen Situationen im Berufsalltag hast du dich als Frau besonders benachteiligt gefühlt? Aber auch: Welche Unterstützung hast du bereits erfahren? Hier hob eine Teilnehmerin die Unterstützung durch Kolleginnen hervor, was ihr den Rücken für Gehaltsverhandlungen stärkte, die sie dann auch durchsetzen konnte. Der Austausch und die Vernetzung waren sehr rege und bereichernd, wie einige Frauen berichteten. 

Jutta Allmendinger sagte in ihrem Impulsvortrag, der Frauenanteil an Spitzenpositionen lasse sich erhöhen, wenn die Organisationen es nur wollen. Wie dies gelingen kann, formulierte die Professorin in drei Thesen:

  • Wer Frauen in Führung will, muss Verantwortung für Sorgearbeit übernehmen.
  • Frauenförderung wird wirksam, wenn sie Einfluss, Einkommen und Entscheidungsmacht verteilt.
  • Wer die Natur schützen will, muss auch die Menschen stärken, die sich für sie einsetzen.

Darüber hinaus plädierte sie für Führung in Teilzeit und Co-Leadership. Dafür müsse sich allerdings die Organisationskultur in vielen Verbänden, Vereinen und Unternehmen ändern. „Die Frauen wollen nicht, stimmt nicht“, betonte Allmendinger. Der Satz müsse umgedreht werden. Denn häufig wollen es die Organisationen nicht. Zudem unterstrich die Soziologin die Bedeutung von Netzwerken. Männer regelten vieles bei einer sprichwörtlichen Zigarre, Frauen müssten ihre Zigarre noch erfinden.

Am Anfang des Berufslebens steht das Bewerbungsgespräch. Hier müssten die Fähigkeiten der Person in den Vordergrund rücken und Transparenz über das Verfahren hergestellt werden. Alter und Geschlecht dürften bei der Auswahl keine Rolle spielen. Ein anschauliches Beispiel nannte Allmendinger aus der künstlerischen Branche: Nachdem die Bewerberinnen und Bewerber für ein Orchester hinter einem Vorhang vorspielten, erhöhte sich der Frauenanteil im Ensemble deutlich.

Hinterm Vorhang wirken, funktioniert im Naturschutz nicht. Aber wenn der politische Wille da ist, kann es auch hier mehr weibliche Führungskräfte geben. Diese Führung lasse sich organisieren, betont Allmendinger. Dafür müsse es unter anderem einen Wechsel von Beteiligung zu Macht geben und die Zusammensetzung an Spitzenpositionen müsse heterogener werden.

„Es ist eine Durstrecke, mehr Frauen in Führung zu bringen“, sagte die Professorin. Dass es möglich ist, beweist etwa die Umweltstiftung WWF. Deren Vorstand ist zu hundert Prozent weiblich besetzt. Solche Vorbilder braucht es. Denn „je größer die Vielfalt in Entscheidungspositionen, desto besser die Entscheidungen“, so Allmendinger. 

Frauenförderung kostet Geld, das sich lohnt

Dafür sei es nötig, gut qualifizierte Frauen zu akquirieren, fordert Allmendinger. Die gibt es zur Genüge. Aber mit Blick auf aktuelle Entwicklungen warnt die Soziologin: „Wir gehen in eine gesellschaftsfeindliche Richtung.“ Gemeint sind zum Beispiel Rückschritte durch eine konservative Politik, die zwar Elterngeld und Pflegeleistungen kürzt, gleichzeitig aber am Ehegattensplitting festhält, das bestehende Strukturen zementiert. Diese Strukturen aufzubrechen, „kostet Geld, aber es zahlt sich aus“, betont Allmendinger. Sie plädiert unter anderem dafür, ein haushaltsunabhängiges Elterngeld einzuführen.

Frauen brauchen Ermutigung und Unterstützung

Eine Bremse für viele berufstätige Frauen ist auch die Mär von der Rabenmutter, die aus Karrieregründen angeblich ihre Kinder vernachlässigt. Mal abgesehen davon, dass diese Bezeichnung wieder die Väter auslässt, ist das Bild schlicht falsch. Denn junge Raben verlassen aus eigenem Antrieb das Nest, bevor sie fliegen können. Und zuvor kümmern sich beide Rabeneltern gemeinsam um ihre Brut.

Die Gratwanderung zwischen elterlicher Fürsorge und beruflichem Fortkommen lohnt sich, denn irgendwann werde sich die Situation ändern, sagt Allmendinger. Und sie ermutigt Frauen, „sich zu erlauben, gegen Konventionen zu verstoßen“. An Frauen in Ostdeutschland könne man sehen, dass es geht, denn die hätten andere Geschlechterrollen. Allen Männern empfiehlt Allmendinger: Sie sollen paritätische Partnerschaft umsetzen.

Auf die Frage, was Sie sich denn wünsche, das morgen anders sei, antwortet sie: „Der Etat des Familienministeriums ist erhöht, die Pflege wird mehr in den Blick genommen als nur die Wirtschaft.“

Auch der Naturschutz muss im politischen Diskurs wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Denn eine intakte Natur ist die Grundlage unseres Lebens. Das wünschen sich alle, die im Umwelt- und Naturschutz aktiv sind. Damit dieser Wunsch Wirklichkeit wird, setzen der DNR und die Sielmann Stiftung She Leads Nature fort. Am 27. Januar 2027 zum Thema „Glasdach im Grünen? Frauen auf dem Weg an die Naturschutz-Spitze“. [mbu]