„Werkstätten der Demokratie“ unter Druck

Jugendverbände sind Orte, die jungen Menschen praxisnahe Freiräume bieten, in denen sie Mitbestimmung, Eigenverantwortung und gesellschaftliches Engagement selbstbestimmt erlernen und erproben können. Sie gelten daher nicht umsonst als Werkstätten der Demokratie. Doch diese Räume geraten in Europa zunehmend unter Druck. Der Handlungsspielraum zivilgesellschaftlicher Organisationen wird seit Jahren massiv eingeschränkt – ein Phänomen, das als „Shrinking Spaces“ bezeichnet wird. Für junge Engagierte wächst dabei auch die berechtigte Sorge vor persönlichen Anfeindungen und körperlichen Übergriffen.
Auch deutsche Jugendverbände kennen dieses Phänomen. Rechtsextreme und radikalkonservative Akteur*innen, allen voran die AfD, stellen die Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen zunehmend infrage. Über parlamentarische Anfragen, politische Kampagnen und entsprechende Narrative werden ihnen unter anderem mangelnde Unabhängigkeit, politische Einflussnahme oder fehlende demokratische Legitimation vorgeworfen, verbunden mit der Drohung, die Gemeinnützigkeit abzuerkennen oder staatliche Förderung zu entziehen. Solche Vorstöße bleiben nicht auf den politischen Raum beschränkt: Sie können öffentliche Debatten prägen und delegitimierende Narrative in die gesellschaftliche Diskussion tragen.
Besonders deutlich wurde diese Dynamik nach der Kleinen Anfrage der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom Februar 2025 zur „politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“. Eine Untersuchung des Maecenata Instituts zeigt, dass auf die Anfrage ein sprunghafter Anstieg NGO-bezogener Beiträge in sozialen Medien folgte. Dabei überwogen negative Darstellungen: Organisationen wurden als abhängig, eigennützig, intransparent oder politisch illegitim dargestellt; Engagierte kriminalisiert. Die Untersuchung beschreibt die Anfrage als Katalysator für diese Entwicklung.
Handlungsfähig bleiben: schützen, vernetzen, Freiräume verteidigen
Wie können Jugendverbände damit umgehen? Damit beschäftigt sich das Projekt „Jugendverbände für Demokratie und Umweltschutz“ (JuDU) von NAJU, BUNDjugend, Naturfreundejugend und FARN. Entscheidend ist, Strukturen zu schaffen, die junge Menschen und Verbände dauerhaft handlungsfähig halten.
Ein erster Schritt sind Schutz- und Sicherheitskonzepte. Gerade junge Menschen in exponierten Rollen brauchen klare Strukturen, die sie nicht allein mit Angriffen lassen. Dazu gehört auch die Frage, welche persönlichen Daten und Fotos veröffentlicht werden. Bei Veranstaltungen muss klar sein: Wer übt das Hausrecht aus? Wann werden Personen ausgeschlossen? Wer übernimmt die Kommunikation? Auch für digitale Angriffe braucht es klare Zuständigkeiten.
Ebenso wichtig ist Kompetenz im Umgang mit dem Neutralitätsgebot. Viele Angriffe setzen bei der Frage an, was politische Bildung, Interessenvertretung und parteipolitische Betätigung voneinander unterscheidet. Jugendverbände sind keine staatlichen Stellen. Ein allgemeines Gebot politischer Neutralität lässt sich daher nicht einfach auf ihre zivilgesellschaftliche Arbeit übertragen. Schulungen und Argumentationshilfen können helfen, Handlungsspielräume zu kennen und auf entsprechende Vorwürfe zu reagieren.

Dazu gehört die Moderation extrem rechter Narrative. Verbände sollten lernen, solche Narrative früh zu erkennen und einzuschätzen: Wann ist eine Auseinandersetzung sinnvoll? Wann verschafft sie einem Angriff nur zusätzliche Reichweite? Wann müssen Grenzen gesetzt oder Personen ausgeschlossen werden? Moderationsleitfäden und Schulungen schaffen Sicherheit.
Gleichzeitig müssen zivilgesellschaftliche Freiräume aktiv verteidigt werden. Verbände sollten nicht erst reagieren, wenn eine Veranstaltung angegriffen oder eine Förderung infrage gestellt wird. Sie können ihre eigene Rolle sichtbar machen und deutlich machen, warum politische Bildung, Interessenvertretung und demokratisches Engagement zum Kern einer lebendigen Zivilgesellschaft gehören. Positive Gegenerzählungen helfen dabei: Jugendverbände sind Orte, an denen junge Menschen Demokratie praktisch erleben und gestalten.
Besonders wichtig ist: Vernetzung statt Vereinzelung. Wenn jeder Verband ähnliche Angriffe allein bearbeiten muss, werden Ressourcen gebunden und Erfahrungen gehen verloren. Gemeinsame Strukturen ermöglichen die Bündelung von Wissen, Personal und finanziellen Ressourcen – etwa durch Beratung, gemeinsame Materialien, Stellungnahmen oder rechtliche Unterstützung. Bundesweit tätige Verbände können kleinere oder regional besonders unter Druck stehende Strukturen unterstützen, auch finanziell, etwa bei Schutzmaßnahmen, Rechtsberatung, Öffentlichkeitsarbeit oder Krisenkommunikation.
Das Projekt JuDU hat dafür bereits einen Anfang gemacht. In einer Online-Reihe und einer Multischulung wurden Erfahrungen ausgetauscht, Wissen gebündelt und gemeinsame Strategien entwickelt. Den Abschluss bildet das Vernetzungstreffen „Gemeinsam gegen den Druck von rechts außen“ vom 9. bis 11. Oktober 2026 in Weimar. Die gesammelten Erfahrungen und Materialien werden Ende Oktober zugänglich gemacht.
Der Autor
Lukas Nicolaisen ist Fachstellenleiter von FARN Berlin
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