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Wie LIFE die Rückkehr des Waldrapps nach Europa ermöglicht
EU-News | 03.07.2026
#Biodiversität und Naturschutz #EU-Umweltpolitik

Wie LIFE die Rückkehr des Waldrapps nach Europa ermöglicht

Hoch über den Bergen fliegt ein Schwarm Waldrappe, begleitet von einem Naturschützer
© Waldrappteam Conservation and Research
Begleitet von menschlichen Pateneltern machen sich die junge Waldrappe auf den Weg durch Europa

Der aus Europa verschwundene Waldrapp kehrt dank „menschengeführter Migration“ zurück. Dass dies gelingt, ist nicht nur wissenschaftlicher Expertise zahlreicher Kooperationspartner, Innovationskraft und außergewöhnlichem Engagement zu verdanken, sondern auch einem zentralen Instrument europäischer Umweltpolitik: dem LIFE-Programm.

Gastbeitrag von Johannes Fritz, Waldrappteam Conservation & Research

Wenn im Herbst Gruppen großer schwarzer Vögel die Thermik der Alpen nutzen, um über die Pässe nach Süden zu gelangen, oder ein abenteuerlich anmutendes Ultraleichtflugzeug mit einer wohlgeordneten Formation eben dieser Vögel der Atlantikküste Spaniens entlang fliegt, dann sind das mehr als nur beeindruckende Naturschauspiele. Es sind sichtbare Zeichen eines der ambitioniertesten Artenschutzprojekte Europas: Der Waldrapp (Geronticus eremita) kehrt zurück. 

Während in Brüssel über die Ausgestaltung des Mehrjährigen Finanzrahmens der Europäischen Union für die Jahre 2028 bis 2034 verhandelt wird, zeigt das Waldrapp-Projekt beispielhaft, warum Europa auch künftig ein eigenständiges Förderinstrument für den Naturschutz braucht. Denn die großen Herausforderungen im Natur-, Arten- und Klimaschutz lassen sich nur durch gemeinsames, grenzüberschreitendes Handeln bewältigen.

Naturschutz kennt keine Grenzen

Die Wiederansiedlung des Waldrapps begann 2002 mit einer Machbarkeitsstudie. Daraus entstand zunächst ein erstes LIFE-Projekt (2014-2019). Aufbauend auf dessen Erfolgen folgte das bis heute laufende LIFE-Projekt LIFE NBI. Es wird vom Tiergarten Schönbrunn koordiniert und gemeinsam mit neun weiteren Projektbegünstigten aus vier Ländern sowie zahlreichen Kooperationspartnern aus ganz Europa umgesetzt.

Portrait von Johannes Fritz vom Waldrappteam Conservation & Research
Das Ziel ist ambitioniert und weltweit einzigartig: die Etablierung einer selbständig überlebensfähigen, migrierenden Population dieser Zugvogelart in europäischen Lebensräumen, aus denen sie über Jahrhunderte verschwunden war.
Johannes Fritz
Waldrappteam Conservation & Research

Eine Besonderheit des Projekts ist die weltweit einzigartige Methode der menschengeführten Migration. Junge Waldrappe werden wenige Tage nach dem Schlupf aus Nestern von Zoovögeln entnommen, von menschlichen Zieheltern aufgezogen und darauf trainiert, einem Ultraleichtflugzeug zu folgen. Diesem Fluggerät folgen sie im Herbst in das Wintergebiete, wo sie ausgewildert werden. Als erwachsene Vögel kehren sie dann in ihre Brutgebiete zurück, um zu brüten. Im Herbst folgen die Jungvögel dann ihren Artgenossen in das Wintergebiet.  Auf diese Weise wird die ursprünglich vom Menschen initiierte Zugtradition von Generation zu Generation weitergegeben. So konnte eine seit Jahrhunderten verlorene europäische Zugtradition wiederbelebt werden.

Die migrierende Population umfasst inzwischen rund 330 Tiere. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über mehr als 600.000 Quadratkilometer – von Süddeutschland über Österreich bis in die Toskana und nach Andalusien. Die Vögel brüten in vier im Rahmen des Projektes gegründeten Kolonien nördlich und südlich der Alpen. Darüber hinaus suchen sich Brutpaare seit drei Jahren auch Nistplätze außerhalb der angestammten Kolonien, unter anderem in Italien und der Schweiz. Im Jahr 2026 wurden erstmals mehr als 50 Brutpaare in der Wildbahn gezählt. Die Wintergebiete der Population liegen heute in der Toskana, in Andalusien und in Katalonien.

Das LIFE-Programm schafft den notwendigen Rahmen für langfristige Kooperation, gemeinsame Standards und eine koordinierte Umsetzung über Ländergrenzen hinweg. Es ermöglicht damit genau jene europäische Dimension des Naturschutzes, die für viele bedrohte Arten unverzichtbar ist.

Nahaufnahme eines erwachsenen Waldrapps - scherzhaft auch Punker genannt, weil er zu Berge stehende, schwarze Kopffedern hat; der rote Schnabel ist leicht nach unten gekrümmt
Wegen seiner Federbüschel am Kopf wird der Waldrapp auch als „Punk“ bezeichnet

Wenn Naturschutz konkret wird

Der Erfolg des Projekts beruht nicht allein auf der Auswilderung der Vögel. Ebenso entscheidend für eine erfolgreiche Wiederansiedlung ist die konsequente Verringerung jener Gefährdungen, die jedes Jahr zu erheblichen Verlusten führen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür wurde erst durch die LIFE-Projekte geschaffen: Seit 2016 ist nahezu die gesamte Population mit solarbetriebenen GPS-Sendern ausgestattet und kann dadurch umfassend per Fernerfassung überwacht werden. Damit zählt der Waldrapp heute zu den am intensivsten überwachten und wissenschaftlich am besten dokumentierten Wildvogelpopulationen Europas.

Das Monitoring liefert nahezu lückenlose Daten zu Wanderungen, Raumnutzung und Überlebensraten und ermöglicht in rund 60 Prozent aller Todesfälle die eindeutige Bestimmung der Todesursache. Dieses umfassende Datenmaterial erlaubt es, Gefährdungen nicht nur zu erkennen, sondern gezielt zu bekämpfen – ein Mehrwert, von dem auch zahlreiche andere bedrohte Vogelarten profitieren. Die gewonnenen Daten haben den Waldrapp zu einer wichtigen Indikatorart gemacht. Viele der dokumentierten Gefährdungen betreffen ebenso zahlreiche andere bedrohte Großvogelarten Europas. Die Erkenntnisse aus dem LIFE-Projekt reichen daher weit über den Schutz einer einzelnen Art hinaus und liefern wertvolle Grundlagen für den internationalen Vogelschutz.

Besonders deutlich wird dies beim Kampf gegen die illegale Jagd in Italien. In diesem Land ist rund 30 Prozent der dokumentierten Verluste auf illegale Abschüsse zurückzuführen. Dank des GPS-Monitorings konnten diese Vorfälle eindeutig nachgewiesen und räumliche Schwerpunkte identifiziert werden. Gemeinsam mit Behörden, Naturschutzorganisationen und Jagdverbänden wurden darauf aufbauend umfangreiche Maßnahmen umgesetzt – von der Verbesserung der Zusammenarbeit über gezielte Überwachung bis hin zu Informations- und Sensibilisierungskampagnen. 

Das gesamte europäische Verbreitungsgebiet betrachtend stellt jedoch Stromschlag auf Mittelspannungsmasten mit rund einem Drittel aller dokumentierten Todesfälle die häufigste Verlustursache dar. Auch hier ermöglicht das GPS-Monitoring die Identifikation gefährlicher Strommasten, die gemeinsam mit Energieversorgern gezielt entschärft werden können. Diese Maßnahmen verbessern nicht nur die Überlebenschancen des Waldrapps, sondern erhöhen die Sicherheit zahlreicher weiterer Großvogelarten wie Störche, Greifvögel und Eulen.

Eine menschliche Ziehmutter mit zwei Waldrappen, im Hintergrund der zum Ultraleichtflugzeug gehörende Fallschirmstoff auf der Wiese
Menschliche Ziehmutter mit zwei Waldrappen

Anpassung an die Klimakrise

Das Waldrapp-Projekt zeigt zudem beispielhaft, wie der Natur- und Artenschutz zunehmend von den Folgen des Klimawandels geprägt wird und wie Artenschutzprojekte auf diese große Herausforderungen reagieren können.

Seit etwa zehn Jahren ist eine deutliche Verschiebung des Zeitpunkts der Herbstmigration zu beobachten. Aufgrund der immer länger anhaltenden warmen Herbstperioden verlassen die Vögel ihre Brutgebiete zunehmend später im Jahr. Für die Population nördlich der Alpen führt dies zu einem unerwarteten Problem: Im Spätherbst fehlen häufig die erforderlichen thermischen Aufwinde, um die Alpen sicher zu überqueren. Immer mehr Vögel scheitern an dieser Barriere und verbleiben nördlich der Alpen. Da sie dort den Winter in der Regel nicht überleben können, werden sie von Projektmitarbeiter:innen eingefangen und über die Alpen transportiert.

Um den Vögeln trotz dieser klimabedingten Veränderungen langfristig ein eigenständiges Überleben zu ermöglichen, wurde im Rahmen des LIFE-Projekts eine innovative Lösung entwickelt. Seit 2023 werden Jungvögel von den Kolonien des nördlichen Alpenvorland ausgehend nach Spanien geführt, um für diese Kolonien eine weitere Zugroute zu etablieren. Diese Route führt um die kritischen Gebirgsregionen herum, sodass die Vögel ihre Wintergebiete auch bei einem späten Aufbruch sicher erreichen können.

Die neue Zugroute hat darüber hinaus weitreichende naturschutzfachliche Bedeutung. Sie verbindet die migrierende Population mit einer bereits bestehenden sedentären Kolonie in Andalusien und inspirierte die katalanische Stiftung ALIVE zur Gründung einer weiteren Kolonie entlang der Zugroute in Katalonien.

Diese klimaadaptive Maßnahme ist daher weit mehr als eine technische Anpassung. Sie verdeutlicht exemplarisch, wie klimaresilienter Naturschutz funktionieren kann: durch den Aufbau großräumiger ökologischer Netzwerke, die Arten mehr räumliche Flexibilität verschaffen und damit ihre langfristigen Überlebenschancen erhöhen.

Forschung als europäischer Mehrwert

Die Wiederansiedlung des Waldrapps wird seit mehr als zwei Jahrzehnten intensiv wissenschaftlich begleitet. Die Forschungsarbeiten reichen von Fragen der Populationsdynamik und Genetik über Untersuchungen zur Energetik des Vogelflugs und den aerodynamischen Vorteilen des Formationsflugs bis hin zu Studien über den Einfluss von Form und Anbringungsposition von Biologging-Geräten auf fliegende Vögel.

Die menschengeführte Migration hat sich dabei nicht nur als wirksame Methode zur Wiederansiedlung etabliert, sondern eröffnet zugleich einzigartige Möglichkeiten für die Grundlagenforschung. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen unmittelbar in das Management der Population ein und dienen gleichzeitig als Modell für zukünftige Wiederansiedlungsprojekte. Das LIFE-Programm verbindet damit Naturschutz und Forschung in einer Weise, die weit über den Schutz einer einzelnen Art hinausreicht.

Blick auf den vom Ultraleichtflugzeug angeführten Waldrappschwarm in der Luft vor beeindruckender Landschaftskulisse und strahlend blauem Himmel
Apennin von oben – die Formation überquert den italienischen Gebirgszug

Ein Grund zur Hoffnung

Die im Oktober vergangenen Jahres verstorbene Primatologin Jane Goodall bezeichnete die Wiederansiedlung des Waldrapps in ihren Büchern und Filmen als ein herausragendes Projekt, das Grund zur Hoffnung gibt, da es zeigt, dass positive Veränderungen möglich sind.

Vor 25 Jahren existierte in Europa kein einziger wildlebender Waldrapp mehr. Heute wächst wieder eine Population, die sich über mehrere Länder erstreckt und zunehmend selbständig reproduziert. Hinter diesem Erfolg stehen Wissenschaftler:inne, Zooinstitutionen, Naturschutzorganisationen,Behörden, Energieunternehmen, Landnutzer und viele Freiwillige aus zahlreichen europäischen Ländern.

Das Projekt beweist, dass Biodiversitätskrise und Klimawandel nicht zwangsläufig nur Geschichten des Verlustes sein müssen. Mit wissenschaftlicher Expertise, dem notwendigen politischen Willen, langfristiger Zusammenarbeit und ausreichenden Ressourcen lassen sich sogar über Jahrhunderte verloren geglaubte Art wieder in ihre Lebensräume zurückbringen.

Portrait von Johannes Fritz hoch über dem BOden, im Hintergrund ein Waldrappschwarum und eine weitere fliegende Begleitperson
Wie dieses Projekt zeigt, ermöglicht LIFE die Umsetzung europäischer Naturschutzziele, verbindet Forschung mit Praxis, fördert Innovation und schafft dauerhafte Kooperationen über Grenzen hinweg.
Johannes Fritz
Waldrappteam Conservation & Research

Warum LIFE auch künftig unverzichtbar bleibt

Die Wiederansiedlung des Waldrapps ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein Generationenvorhaben. Seine Erfolge beruhen auf Kontinuität, Planungssicherheit und internationaler Zusammenarbeit. Genau diese Voraussetzungen schafft das LIFE-Programm.

Wie dieses Projekt zeigt, ermöglicht LIFE die Umsetzung europäischer Naturschutzziele, verbindet Forschung mit Praxis, fördert Innovation und schafft dauerhafte Kooperationen über Grenzen hinweg.

Der Mehrwert reicht dabei weit über die Wiederansiedlung einer einzelnen Art hinaus. Maßnahmen gegen illegale Jagd, die Entschärfung gefährlicher Strommasten, modellhafte Anpassungsstrategien an den Klimawandel, internationale Bildungsarbeit im Sinne von Jane Goodalls Reasons for Hope sowie wissenschaftliche Grundlagenforschung schaffen Erkenntnisse und Strukturen, von denen zahlreiche weitere Arten und Naturschutzprojekte profitieren.

Über den Autor

Dr. Johannes Fritz ist Verhaltensbiologe und Pionier im Artenschutz. Seit über 25 Jahren engagiert er sich für die Rettung des Waldrapps. Ihm und seinem Team ist es erstmals gelungen, eine Zugvogelart wieder anzusiedeln und mit einer einzigartigen Methode neue Zugtraditionen zu begründen. Heute leben wieder mehr als 300 Waldrappen frei in Europa.