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Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz: Was Deutschland jetzt lernen muss
News | 24.07.2026
#Biodiversität und Naturschutz #Klima und Energie #Politik und Gesellschaft #Wirtschaft

Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz: Was Deutschland jetzt lernen muss

Ein Ventilator vor blauem Himmel
© pixabay
Ein Ventilator kühlt vorübergehend ab, es braucht aber echte Hitzeschutzpläne

Die Hitzewelle im Juni hat das deutsche Gesundheitssystem an seine Grenzen gebracht: Das Robert Koch-Institut schätzt inzwischen rund 6.800 hitzebedingte Todesfälle. Rettungsdienste, Notaufnahmen und Pflegeeinrichtungen arbeiteten am Limit. Dabei sind Hitzetote vermeidbar. Ein Blick auf die dringlichsten Maßnahmen von Jonas Gerke, KLUG.

Auf jedes andere Ereignis dieser Größenordnung würde die Bundespolitik unmittelbar reagieren. Es würde aufgearbeitet, es gäbe Konsequenzen. Bei Extremhitze bleibt es bislang bei Betroffenheit und Zuständigkeitsfragen. Ein Grund dafür liegt in der Natur des Ereignisses: Anders als bei Hochwasser oder Sturm entwickeln sich die Folgen schleichend und zeitverzögert. Menschen mit Unterstützungsbedarf sind für die zuständigen Strukturen oft gar nicht sichtbar. Genau deshalb wird die Tragweite politisch und administrativ unterschätzt.

Aus Leitstellen, Notaufnahmen und Pflege kam nach der Juni-Hitzewelle dasselbe Bild: Es lief, aber am Limit. Gehalten hat das der Einsatz der Beschäftigten, nicht die Vorbereitung. Das betrifft längst nicht nur die bekannten Risikogruppen. Wenn Rettungsdienste und Kliniken überlastet sind, wird die Versorgung für alle unsicherer.

Es braucht verbindliche Hitzeaktionsplanung statt Stückwerk

Rund 40 Städte in Deutschland haben inzwischen Hitzeaktionspläne. Dahinter stehen meist einzelne engagierte Menschen. Was fehlt, ist eine flächendeckende Verpflichtung. Ohne verlässliche Finanzierung bleibt es Stückwerk. Wie es anders geht, zeigt Frankreich: Nach dem Hitzesommer 2003, der dort mehr als 15.000 Menschenleben forderte, verpflichtet ein nationaler Hitzeaktionsplan seit gut zwanzig Jahren alle Kommunen zu konkreten Maßnahmen. Dazu gehören Hitzeaktionspläne, klare Warnketten und eine freiwillige Registrierung gefährdeter älterer Menschen, die in der Akutsituation gezielt kontaktiert und aufgesucht werden.

Portrait Gerke
Wichtiger als der jährlich wiederholte Rat, viel zu trinken, ist, dass Pflegekräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Nachbarn wissen, wie sie gefährdete Menschen bei Hitze konkret unterstützen können.
Jonas Gerke, KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit
Referent gesundheitlicher Hitzeschutz

Ein guter Hitzeaktionsplan funktioniert wie ein Alarmplan für andere Extremwetterlagen. Er regelt, wer was tut, wenn die Warnung des Deutschen Wetterdienstes eintrifft, wann der Krisenstab tagt und wann Rettungsdienste und Kliniken vorbereitet werden. Entscheidend ist, dass konkrete Maßnahmen an Warnstufen gekoppelt sind, denn Warnungen allein schützen nicht. Besonders gefährdete Menschen müssen gezielt erreicht werden: durch aufsuchende Strukturen, kühle und barrierefreie Orte und die Einbindung von Nachbarschaften und Pflege. Wichtiger als der jährlich wiederholte Rat, viel zu trinken, ist, dass Pflegekräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Nachbarn wissen, wie sie gefährdete Menschen bei Hitze konkret unterstützen können. Entsiegelung und Begrünung bleiben dabei langfristig unverzichtbar. Akuter Hitzeschutz ersetzt sie nicht, er überbrückt die Jahre, bis kühlende Stadtnatur ihre Wirkung entfaltet. Das Wissen liegt vor: Die Weltgesundheitsorganisation hat jüngst neue Leitlinien für Hitzeaktionspläne vorgelegt, auch um bestehende Pläne zu prüfen und zu verbessern. Es fehlt an der Umsetzung.

Die Hitzewelle im Juni muss nun für Deutschland ein Weckruf sein

Auf allen Ebenen braucht es jetzt Nachbesprechungen zur Juni-Hitzewelle: Was hat funktioniert, was nicht, was muss vor der nächsten Welle besser laufen? Der Bund ist hier zwar im föderalistischen System nicht vorrangig zuständig, sollte aber ein Signal setzen: Die Gesundheitsministerin kann kurzfristig alle Landesgesundheitsminister an einen Tisch holen, eine Bund-Länder-Konferenz kann ein Sofortprogramm zur besseren Vorbereitung auf weitere Extremhitzeereignisse beschließen. Bei allen Reformgesetzen im Gesundheitswesen müssen die Gefahren durch Extremwetter mitgedacht werden, und baulicher Hitzeschutz muss für Neu- und Bestandsbauten verbindlich werden. Die Länder müssen Hitzeaktionspläne rechtlich verankern und gemeinsam mit dem Bund verlässlich finanzieren. Kommunen und Gesundheitseinrichtungen sind diejenigen, die Hitzeschutz am Ende umsetzen. Dabei ist entscheidend, dass jemand vor Ort die Koordination übernimmt und das Thema in bestehende Strukturen übernimmt: von der Stadtplanung über soziale Dienste bis hin zu regionalen Gesundheitsnetzwerken. 

Der Sommer ist nicht vorbei, weitere Hitzewellen sind wahrscheinlich. Jetzt ist der Moment, an dem Bund, Länder, Kommunen und das Gesundheitswesen gemeinsam die Lehren ziehen müssen – bevor die nächste da ist. Hitzeschutz ist dabei mehr als eine staatliche Aufgabe. Sie braucht breites Verständnis und breites Handeln von Medien, Unternehmen, Vereinen und Verbänden. Auch die Umwelt- und Naturschutzverbände können hier viel bewegen, als Bündnispartner vor Ort und als Anwälte grüner, lebenswerter Städte. Mit dem Hitzeaktionstag machen sich jährlich über 100 Organisationen gemeinsam für Hitzeschutz stark.

Der Autor

Jonas Gerke arbeitet als Referent für gesundheitlichen Hitzeschutz bei der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und ist Projektleiter für den Hitzeaktionstag.

Weitere Informationen

Positionspapier des Bündnisses Hitzeaktionstag 2026 zur Krisenresilienz bei Extremhitze  

Politische Forderungen des Bündnisses Hitzeaktionstag  

Tipps zum Hitzeschutz