Artikel von Bernward Janzing

Zurück auf Los – nach dem langjährigen Fiasko von Gorleben

Mit Ausnahme des Saarlands sind alle Bundesländer noch vertreten. Drei Jahre Arbeit stecken in der Karte, die die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) Ende September vorgestellt hat – als erster Schritt eines Verfahrens, an dessen Ende im Jahr 2031 ein Standortvorschlag stehen soll.
Die größte Überraschung: Der Standort Gorleben schied bereits im ersten Schritt aus. Über die Behandlung dieses Sonderfalls war zuvor viel diskutiert worden. Ansonsten wirkt die Karte unspektakulär – sie ist im Wesentlichen eine Darstellung der drei möglichen Wirtsgesteine: Steinsalz, Ton und Kristallingestein.

Die Kriterien der Suche sind definiert im Standortauswahlgesetz. Dieses schließt Gebiete aus, in denen Hebungen von im Mittel mehr als einem Millimeter im Jahr im Verlauf von einer Million Jahre zu erwarten sind. Auch fallen Standorte raus, an denen Bergwerke und Bohrungen das Gebirge in der relevanten Tiefe beschädigen, ebenso „aktive Störungszonen“, in denen innerhalb der letzten 34 Millionen Jahre Bewegungen stattgefunden haben. Gleichermaßen sind das Grundwasseralter sowie der „Spannungszustand und die Permeabilität des Gebirges“ ein Kriterium. Damit ist das Standortauswahlgesetz – in dieser wissenschaftlichen Detailliertheit für ein juristisches Regelwerk nicht alltäglich – ein veritabler Ausflug in die Geologie. Es ist der Versuch, verspieltes Vertrauen durch Fachkunde zurückzugewinnen.

Die BGE, die das Auswahlverfahren vorantreibt, war im ersten Schritt relativ frei in ihrer Entscheidung, wie viele Teilgebiete sie im Rahmen einer lediglich groben digitalen Kartenanalyse auswählt. Sie konnte das Verfahren darüber steuern, wie streng sie die geologischen Abwägungskriterien anwendete – und agierte großzügig. Am Ende blieben 90 Teilgebiete, davon 60 in Salzstöcken und 14 im flachen Steinsalz; diese nehmen eine Fläche von gut 30.000 Quadratkilometern ein. Im Tongestein blieben neun Gebiete mit knapp 130.000 Quadratkilometern, im kristallinen Wirtsgestein sieben mit annähernd 81.000 Quadratkilometern. Kritiker halten die Aussagekraft dieser ersten Karte allerdings noch für gering aufgrund der Größe der möglichen Standortregionen.

BGE-Auswahl insgesamt 90 Teilgebiete, davon:

  • 60 in Salzstöcken und 14 im flachen Steinsalz (gut 30.000 Quadratkilometer Fläche)
  • 9 in Tongestein (knapp 130.000 Quadratkilometer)
  • 7 in kristallinem Wirtsgestein (annähernd 81.000 Quadratkilometer)

Virtuelle Partizipation reicht nicht
Mitte Oktober startete die Fachkonferenz Teilgebiete, ein Format der Bürgerbeteiligung. Auf dieser ersten von insgesamt vier Veranstaltungen lud die BGE Bürgerinnen und Bürger sowie Verbände zur Diskussion ein. Für Kritik sorgte allerdings das – Pandemie bedingte – reine Online-Format. Umweltverbände hatten vergeblich gefordert, die Konferenz zu verschieben, da die Diskussions- und Interaktionsmöglichkeiten auf diese Weise massiv einschränkt seien [siehe Fachartikel Klaus Brunsmeier].

So belastet eine schwere Hypothek bereits vom Start weg das Verfahren. Zumal Umweltverbände Augenhöhe vermissen: das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) verweigere finanzielle Mittel für unabhängige Expertisen. Die Verbände sehen sich daher sehr eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, die Datenlage zu überprüfen.

Ungerührt von der Kritik geht das Verfahren nun in den zweiten Teil der Phase 1, an deren Ende die bislang riesigen Gebiete erheblich eingegrenzt sein werden. Indem neue Ausschlusskriterien hinzukommen, dürften dann noch rund fünf Prozent der Landesfläche verbleiben. Bisher zählten allein geologische Faktoren, im weiteren Verlauf werden auch die Sicherheit, die technische Machbarkeit sowie die Siedlungsdichte einbezogen. Vor allem die großen Granit- und Tongebiete dürften schrumpfen. Am Ende der Phase 1 wird eine bisher nicht definierte Anzahl von Regionen benannt, über deren übertägige Erkundung dann der Bundestag entscheidet.

Es folgt die Phase 2, die auf mehrere Jahre angelegt ist. An deren Ende sollen dann Standorte benannt werden, die untertägig zu erkunden sind. Deren Detailanalyse durch Bergwerke ist dann die Aufgabe von Phase 3, die in einem endgültigen Standort münden soll. Entscheiden muss über jeden Schritt der Bundestag.

  • Ergebnis Phase 1: bisher undefinierte Anzahl von Regionen, die übertägig erkundet werden
  • Ergebnis Phase 2: Benennung von Standorten, die untertägig zu erkunden sind
  • Ergebnis Phase 3: Detailanalyse durch Bergwerke, endgültige Standort

Politische Festlegung auf Gorleben verspielte Vertrauen
Bizarr an dem ganzen Vorgehen ist vor allem der späte Zeitpunkt. Denn erst 2014 gründete die Bundesregierung das Bundesamt BASE, erst 2016 nahm die BGE ihre Arbeit auf. Zuvor hatte man sich so sehr an Gorleben festgebissen, dass eine sachliche Debatte verbaut war.

Diesen Standort hatte die niedersächsische Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht im Februar 1977 unter dubiosen Umständen auserkoren für ein „Nukleares Entsorgungszentrum“; nicht geologische, sondern primär politische Gründe hatten den Ausschlag gegeben. Diese wenig vertrauenerweckende Historie führte zu einem Jahrzehnte währenden Kampf – und fiel dem Projekt Gorleben letztlich auf die Füße.

So begann im Jahr 2013 die Suche von Neuem. Der Unterschied zu damals: Heute dominiert in Wirtschaft und Politik – angesichts des absehbaren Endes der Atomkraft in Deutschland – die Sehnsucht nach Berechenbarkeit im Verfahren. Es herrscht der Wunsch vor, das Atomthema gesellschaftlich zu befrieden. Entsprechend wollen die Bundesregierung und die Fachbehörden bei der Standortsuche die Hemdsärmeligkeit der letzten Jahrzehnte endlich durch wissenschaftliche Expertise ersetzen.

"Viel gibt es gutzumachen, denn Politik und Atomwirtschaft haben in der Vergangenheit mit Wucht Vertrauen zerstört."

Bernward Janzing, Fachjournalist

Viel gibt es gutzumachen, denn Politik und Atomwirtschaft haben in der Vergangenheit mit Wucht Vertrauen zerstört. Dies nicht nur in Gorleben, sondern auch durch das ehemalige Salzbergwerk Asse in Niedersachsen, wo man Atommüll leichtfertig abkippte – ohne atomrechtliche Genehmigung, schlicht nach Bergrecht. Im Jahr 1988 stellte man dann fest, dass Wasser in den Schacht eindringt. Die Konsequenzen für das Grundwasser sind unklar, die Sanierung gilt als kaum lösbare Aufgabe.

Also will Deutschland sich für sein Endlager für hochradioaktive Stoffe nun Zeit nehmen. Ein neuerliches Fiasko kann und will man sich nicht leisten. Solche Gewissenhaftigkeit aber dauert, und daher gilt selbst der Zeitpunkt 2031 schon als optimistisch. Die erste Einlagerung könnte dann um das Jahr 2050 erfolgen.