Artikel von Sönke Beckmann

Wie bekommen wir die Landwirte mit auf den Weg?

Rohstoffe für Nahrungsmittel erzeugen, Klima schützen, Biodiversität fördern, attraktive Landschaften erhalten, Gewässer schützen, den Boden gesund halten, tiergerecht wirtschaften - und das alles mit Leidenschaft: die Liste der Anforderungen der Gesellschaft an Landwirt*innen ist lang.

Diese früher zunächst als Wünsche formulierten Ziele der Gesellschaft haben sich zu Erfordernissen entwickelt, die zwingend zu bedienen sind. Gesetzliche Verschärfungen beispielsweise beim Düngerecht zeigen das deutlich. Die bislang weitgehend einseitig auf Produktion und Ertragsleistungen ausgerichteten Landwirtschaftssysteme müssen heute stärker in Richtung multifunktionaler Bewirtschaftungssysteme verändert werden. Im vergangenen Jahr haben Landwirt*innen regelmäßig gegen die Verschärfung der Rahmenbedingungen, unter denen sie wirtschaften müssen, protestiert. Offensichtlich besteht eine Diskrepanz zwischen den Ansprüchen der Gesellschaft und den Möglichkeiten und den Zielen der Betriebe. Eine große Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, gemeinsame Ziele und vor allem Wege dorthin zu finden.

Es geht um sehr viel – Zukunftsgestaltung liegt in der Hand von Landwirt*innen

Das Ziel eines gemeinsamen Weges ist bedeutender, als es auf den ersten Blick erscheint. Es ist nicht deshalb anzustreben, weil es sich besser in Harmonie leben lässt, sondern weil es über das Gelingen etlicher Zukunftsaufgaben mitentscheiden wird. Eine einfache Zahl verdeutlicht dies: Landwirte bewirtschaften rund 50 Prozent der Landfläche Deutschlands. Sie sind auf dieser riesigen Fläche die wichtigsten Manager unserer Umwelt. Es ist nicht nur unsinnig, sondern auch undenkbar, die wichtigen flächenbezogenen Aufgaben unserer Zukunft wie den Erhalt der Biodiversität oder den Klimaschutz ohne die Eigeninitiative dieser Bevölkerungsgruppe stemmen zu wollen. Die Frage: „Wie bekommen wir die Landwirte mit auf den Weg?“ muss deshalb im Interesse aller liegen.

Zunächst gilt es aber einen strukturellen Fehler zu beseitigen, der sich hinter dieser Frage verbirgt. Die Frage scheint zu implizieren, dass die Nicht-Landwirt*innen wissen, was nötig ist, und dieses Wissen den bäuerlichen Betrieben jetzt beigebracht werden muss. Landwirt*innen sind es, die auf ihren Flächen die vielfältigen Ziele umsetzen müssen. Sie sind es, die die mit ihrem Land verbundenen Chancen und Schwierigkeiten kennen. Und sie haben in der Vergangenheit stets gezeigt, dass sie den jeweils in ihrer Zeit modernen Anforderungen entsprochen haben. Deshalb ist es jetzt am wichtigsten, Ziele klar zu formulieren und dann gemeinsam Strategien und Lösungen zu entwickeln. Es geht also nicht um ein einseitiges „mit auf den Weg nehmen“ sondern um ein gegenseitiges.

 

„Deshalb ist es jetzt am wichtigsten, Ziele klar zu formulieren und dann gemeinsam Strategien und Lösungen zu entwickeln. Es geht also nicht um ein einseitiges „mit auf den Weg nehmen“ sondern um ein gegenseitiges. Dafür müssen beide Seiten lernen. Landwirt*innen müssen verstehen, welche immens wichtige Rolle sie bei der Bewältigung der Zukunftsaufgaben haben.“

Sönke Beckmann

 

Dafür müssen beide Seiten lernen. Landwirt*innen müssen verstehen, welche immens wichtige Rolle sie bei der Bewältigung der Zukunftsaufgaben haben. Sie werden unersetzbar gebraucht als Nahrungsmittelwirt*innen, Biodiversitätswirt*innen, Klimawirt*innen und Wasserwirt*innen gleichermaßen. Diese Rolle gilt es anzunehmen. Die elementaren Aufgaben der Landwirtschaft liegen in der Zukunftsgestaltung. Das neue Narrativ des Landwirts und der Landwirtin als Zukunftsgestalter hat das Potenzial, das moderne Bild der Landwirtschaft zu werden.

Die übrigen gesellschaftlichen Gruppen müssen verstehen, dass Landwirt*innen Betriebe führen und unternehmerisch denken. Sie reagieren deshalb stets unwillig auf weitergehende rechtliche Regelungen und Einschränkungen. Hilfreich ist es deshalb, möglichst viele Ziele im ländlichen Raum nicht vorrangig über gesetzliche Regelungen, sondern auch im Rahmen der unternehmerischen Tätigkeiten der bäuerlichen Betriebe umzusetzen. Neue Konzepte müssen diesen Gesichtspunkt berücksichtigen.

Zukunftstaugliches Leitbild für die Landwirtschaft: öffentliches Geld für öffentliche Leistungen

Mit dem Konzept der „Gemeinwohlprämie“ (GWP) hat der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL) ein neues Geschäftsmodell für eine zukunftsorientierte Landwirtschaft vorgelegt. Es handelt sich um ein punktebasiertes Bewertungs- und Honorierungskonzept für die Qualifizierung der Agrarbeihilfen und damit die Einleitung eines Paradigmenwechsels in der bisherigen Förderlogik. Das neue Bezahlsystem orientiert sich an dem Leitbild „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ und basiert auf den jeweiligen konkreten Effekten umwelt- und klimaförderlicher Bewirtschaftungsmaßnahmen, aus deren Menü Landwirt*innen die für ihren Betrieb passenden und auch lukrativen Maßnahmen auswählen können. In der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) kann die GWP passgenau in den Ökoregelungen der 1. Säule verortet werden. Sie nehmen eine Schlüsselrolle dabei ein, die Einkommenssicherung und die notwendige Umweltsicherung zusammenzubringen. Mit der Gemeinwohlprämie steht den Zukunftsgestalter*innen ein Werkzeug zur Verfügung, dessen Einführung nur noch vom politischen und administrativen Willen abhängt.

Mut zum Dialog und zu Veränderungen – Schlüsselrolle für Landschaftspflegeverbände

Soll unser Ziel, wieder mehr Vielfalt in unsere Agrarlandschaft zu bekommen, gelingen, brauchen wir also Partner*innen – keine Gegner*innen. Hier setzen die Bedingungen für eine nachhaltige und vertrauensvolle Beratung der Landwirt*innen an: Gleichberechtigung, Fairness, Freiwilligkeit und vor allem Empathie. Sie zeigt dem Gegenüber Wertschätzung, Respekt und Anerkennung. Dieses erfordert von der Umweltseite, sich in die persönlichen Denkweisen und Wertvorstellungen der Betriebsleiter*innen hineinzuversetzen. Ferner müssen die Nutzungsauflagen praxisorientiert sein und flexibel auf betriebliche Notwendigkeiten und Abläufe Rücksicht nehmen.

Wir benötigen für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft ein funktionierendes bundesweites Netzwerk mit den Hauptakteur*innen, die ihre Stärken aus verschiedenen Fachgebieten mit einbringen. Landschaftspflegeverbände (LPV) sind regional verankerte Aktionsbündnisse unter dem Dach des DVL zur Schaffung maßgeschneiderter Lösungen vor Ort. Sie können Wege ebnen und glätten und Konflikte auffangen. Ihre faire und ausgewogene Konstruktion, eben die notwendige Drittelparität aus Landwirtschaft, Naturschutz und Kommunalpolitik, schafft Vertrauen und bündelt die Kräfte.

Wichtig für den gemeinsamen Weg sind daher Brücken zwischen Landwirt*innen und Nicht-Landwirt*innen. Denn ohne Verbündete wird das Modell der Zukunftsgestalter*innen nicht funktionieren. Es ist eine Chance, aber kein Selbstläufer. Wie die Zukunft wird, hängt zentral davon ab, was wir heute verändern.

c. Helge Neumann/DVL