Interview mit Pia Niessen, Psychologists for Future

Klimagerechtes Verhalten kollektiv

Die Unwetterkatastrophe im Süden und Westen Deutschlands Mitte Juli hat die Klimakrise wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Aus der persönlichen Betroffenheit erwächst aber nicht automatisch politisches Handeln. Soziale Normen haben hierbei eine große Bedeutung, sagt Pia Niessen von Psychologists for Future.

Die Klimakrise ist seit Langem weltweit präsent. Braucht es Schreckensszenarien vor der eigenen Haustür, um sensibel für den Schutz unseres blauen Planeten zu werden?
Aus psychologischer Sicht, im Sinne der menschlichen Informationsverarbeitung erhöht natürlich die persönliche Betroffenheit beziehungsweise die Nähe und Sichtbarkeit einer Umweltkatastrophe den eigenen Alarmmechanismus. Es ist dennoch falsch und sehr fatal daraus abzuleiten, dass diese Szenarien notwendig sind, um Menschen zu aktivieren, da zum einen viele der Auswirkungen der Klimakrise zu komplex sind, um sichtbar zu sein und zum anderen gibt es in der Forschung Hinweise darauf, dass es nicht unbedingt die eigene Betroffenheit ist, die klimagerechtes Verhalten fördert, sondern andere Faktoren wie etwa die persönliche oder soziale Norm.

Was ist notwendig, damit aus der Wahrnehmung beziehungsweise Erkenntnis der Umweltzerstörung konsequentes Handeln erwächst?
Die Klimakrise, und dass sich etwas ändern muss ist tatsächlich vielen Menschen bereits bewusst. Daraus Handlungen abzuleiten, ist aber aufgrund von Gewohnheiten, der Komplexität vieler Entscheidungen und fehlender struktureller Unterstützung oft schwieriger. Die Forschung zeigt, dass das umweltgerechte Verhalten zu einem großen Teil von Normen gefördert wird. Das sind zum einen persönliche Normen, die wiederum von Einstellungen oder Emotionen beeinflusst werden, aber auch soziale Normen. Hier ist ein wichtiger Ansatzpunkt: Erlebe ich in meinen mir wichtigen Gruppen im Leben, also in der Familie, bei den Kolleg*innen am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis, dass klimagerechtes Verhalten stattfindet, beeinflusst das mein eigenes Verhalten enorm.

„Erlebe ich in meinen mir wichtigen Gruppen im Leben, also in der Familie, bei den Kolleg*innen am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis, dass klimagerechtes Verhalten stattfindet, beeinflusst das mein eigenes Verhalten enorm.“

Pia Niessen, Psychologists for Future

Eigene Betroffenheit motiviert zum Handeln – auch dafür, sich für den Erhalt der planetaren Grenzen einzusetzen. Kann daraus aus Ihrer Sicht eine Wechselstimmung für die Wahl des nächsten Bundestags entstehen?
Der Umgang mit der Klimakrise ist bereits das große Thema der diesjährigen Bundestagswahl, weil sich dies über die letzten Jahre als große gesellschaftliche Herausforderung angebahnt hat, auf die die bisherige Regierung bislang nicht angemessen reagiert hat. Deshalb wäre es natürlich wünschenswert, wenn sich hier ein Wechsel zeigt. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass eine eigene Betroffenheit, wie zum Beispiel im Rahmen der Starkregenereignisse in Nordrhein-Westfalen nicht automatisch dazu führt, dass Parteien mit ambitionierten Klimaschutzzielen gewählt werden. Eigene Betroffenheit, die Ängste auslöst, kann auch dazu führen, dass Parteien gewählt werden, die vor allem Sicherheit vermitteln – Wahlentscheidungen werden oft auf emotionalen Grundlagen gefällt.

Ich kann Flugreisen bleiben lassen, den Müll trennen oder weniger Fleisch essen. Aber Verzicht ist für die meisten kein Patentrezept. Womit können Individuen dennoch überzeugt werden, einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz zu leisten?
Den Begriff des Verzichts halte ich in diesem Zusammenhang für problematisch. Wir Menschen können nicht auf etwas verzichten, auf was wir sowieso kein exklusives Recht haben. Eine Vielzahl von Menschen im westlichen Raum konsumieren Produkte, die durch Ausbeutung und Umweltzerstörung entstehen. Durch die Intransparenz vieler Herstellungsprozesse ist das nicht deutlich, sodass eventuell der Eindruck entstehen würde, dass wir alle ein Recht auf Fleischkonsum oder Flugtransport hätten – nur weil wir es uns fatalerweise leisten können. Ich möchte dazu anregen, die Frage umzudrehen: Was ist der größere „Verzicht“? Der Verzicht auf das 63. T-Shirt im Schrank und die 3. Flugreise im Jahr oder der Verzicht auf den Zugang und die Nutzung natürlicher Ressourcen wie Wasser? Auf letzteres werden wir und unsere Kinder langfristig verzichten müssen, sofern wir nicht jetzt handeln.

„Was ist der größere ‚Verzicht‘? Der Verzicht auf das 63. T-Shirt im Schrank und die 3. Flugreise im Jahr oder der Verzicht auf den Zugang und die Nutzung natürlicher Ressourcen wie Wasser?“

Pia Niessen, Psychologists for Future

c. Illustration von Jai Wanigesinghe

Mein persönliches Handeln ist das eine, das andere ist: Was können wir gemeinsam als Gesellschaft erreichen?
In der Gruppe lässt sich immer mehr erreichen als alleine. Das Engagement der Zivilgesellschaft ist jedoch kein Freifahrtschein, um jegliche Verantwortung auf das Individuum oder auch das organisierte Individuum in der Gruppe abzuwälzen. Die viel größere Last liegt bei den politischen Entscheidungsträger*innen, die Strukturen schaffen müssen, um klimagerechtes Verhalten für alle gesellschaftliche Gruppen zu ermöglichen. Aus diesem Grund ist die anstehende Wahlentscheidung eine der wirksamsten Handlungen, die aus der Gesellschaft herauskommen – neben den vielen Formen von Aktivismus, die bereits existieren.


Während der Covid-19-Pandemie und zuletzt bei der Hochwasserkatastrophe lebten Hilfe und Solidarität unter Mitmenschen wieder auf. Wie kann es gelingen, aus diesem Miteinander konkrete Vereinbarungen für die Zukunft junger Menschen und kommender Generationen zu treffen?
Der Mensch hat ein grundsätzliches Bedürfnis nach Kooperation und sozialem Verhalten. Es ist deshalb notwendig, konkret an sozialpolitischen und umweltpolitischen Maßnahmen zu arbeiten. Möglichkeiten für eine politische Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen sind notwendig. Dazu gehören auch Gruppen, denen bislang ein geringeres umweltgerechtes Verhalten unterstellt wird: zum Beispiel ältere Menschen, einkommensschwache Haushalte oder Migrant*innen. Viele Parteien betreiben hingegen Klientelpolitik, das heißt sie versuchen innerhalb einer bestimmten, am besten einer möglichst großen Bevölkerungsgruppe einseitige Interessenspolitik durchzusetzen. Das führt zu Spaltung und diese verhindert Solidarität massiv.


Nach dem richtungsweisenden Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutzgesetz im Mai handelten die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker zügig. Sie beschlossen eine Novelle mit schärferen Zielen – ein großer Fortschritt. Vor den Veränderungen, die für die Umsetzung dieser Ziele erforderlich sind, schrecken die meisten jedoch zurück. Woran liegt das?
Das liegt in Deutschland vor allem an einer mangelhaften Innovationskultur und sehr trägen Industriestrukturen. In der Transformationsforschung, die erforscht, inwiefern sich bestimmte Interessensgruppen in Veränderungen verhalten, hat sich gezeigt, dass es sogenannte Regimes gibt, die eine Umwälzung über lange Zeiträume blockieren. Oft steckt hier nicht eine einzelne Person, sondern ein ganzer Apparat dahinter. Beispiele hierfür sind die Fleischindustrie oder die Automobilindustrie, die beide durch ihre Exportstärke groß, mächtig und unflexibel geworden sind. Erst wenn hier an den richtigen Stellen politische Impulse entstehen, können sich auch diese Industrien anpassen. In vielen Fällen geht der Weg dieser Impulse allerdings nur über gesetzgebende Maßnahmen, die viel Zeit in Anspruch nehmen.

[Interview: Marion Busch]