Artikel von Nick Reimer

Leben in der Klimakrise

Warum Extremwetter-Ereignisse hierzulande in der Zukunft Normalität werden und was jetzt zu tun ist.

„Ist das noch Wetter oder doch schon der Klimawandel?“, hieß es im Bayerischen Rundfunk Anfang Juli. Schwere Regenfälle hatten Landshut gerade eine „Jahrhundertflut“ beschert, das oberbayrische Wolfratshausen war von golfballgroßen Hagelkörnern verwüstet worden, in fast allen Regierungsbezirken Bayerns gab es umgestürzte Bäume, vollgelaufene Keller, gesperrte Bahnstrecken. Die Frage zeugt aber von einiger Unkenntnis: Klima ist der Durchschnitt des Wetters über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren, weshalb  „noch Wetter“ oder  „schon Klimawandel“ in einem Satz nicht geht. Die Wissenschaft erklärt zwar immer wieder, dass ein einzelnes Wetterphänomen nicht belegen kann, dass der Klimawandel längst da ist. Allerdings erklärt sie uns auch, dass die Mechanismen einer veränderten Erdatmosphäre dafür sorgen, dass die Wetter-Extreme bei uns zunehmen. Einmal mehr haben dies die Starkregen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gezeigt. Bei Redaktionsschluss waren mindestens 183 Tote [Stand 20.08.2021] zu beklagen. Vor allem im Ahrtal und entlang des Flüsschens Erft wird es Jahre dauern, bis die Schäden behoben sind.

Regenfälle, Dürren, Hochwasser: immer mehr Extreme

Physikalisch betrachtet sind die zunehmenden Starkregenereignisse logisch: Wärmere Luft kann mehr Wasser speichern, pro Grad zusätzlich saugen sich die Luftmassen mit 7 Prozent mehr Feuchtigkeit voll. Deutschland hat sich nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes seit 1881 bereits um 1,6 Grad erhitzt. Die Zahl der Tage, an denen die Temperatur über 30 Grad Celsius steigt, hat sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht, seit dem Jahr 2001 haben die Starkregenereignisse deutlich zugenommen.

Mehr in der Luft gespeichertes Wasser bedeutet auch mehr Energie, bedeutet mehr Zerstörungskraft: 2016 traf es Braunsbach, die „Perle im Kochertal“ wurde im Mai von einer Sturzflut verwüstet. In Simbach am Inn in Niederbayern sorgte ein Extremregen Anfang Juni 2016 für ein sogenanntes tausendjähriges Hochwasser, im Fachjargon „HQ 1000“. Autos wurden gegen Wände geschleudert, Straßen und Brücken weggerissen, ganze Haushalte verschüttet – derartige Wetterereignisse waren statistisch bislang nur einmal in eintausend Jahren möglich. Aber durch den Klimawandel sind solche Statistiken durcheinandergeraten: Nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 an der Elbe folgte im Elbtal 2006 das nächste Jahrhunderthochwasser, gefolgt von der nächsten Jahrhundertflut 2013 mit Pegelständen von bis zu zehn Metern – obwohl das doch statistisch nur einmal in einhundert Jahren geschehen dürfte. 2017 traf der Starkregen Goslar im Harz, 2018 erwischte es zuerst das Vogtland, dann Orte in der Eifel, Dudeldorf zum Beispiel, Kyllburg oder Hetzerode. 2019 war Kaufungen nahe Kassel dran oder Leißling nördlich von Naumburg an der Saale, 2020 dann das fränkische Herzogenaurach oder Mühlhausen in Thüringen. Neben den Orten in der Eifel und im Bergischen Land traf es 2021 auch Orte in der Sächsische Schweiz, das Vogtland, das Berchtesgadener Land in Oberbayern und Orte in Nordhessen.

Mittlerweile Alltag: Im Sommer 2010 zerstörte eine Jahrhundertflut dieses Haus im Kirnitzschtal in der Sächsischen Schweiz. (Foto: Nick Reimer)

Es kann jeden treffen, und das immer öfter. Zum Beispiel in Berlin, wo im Juni 2017 an einem Tag so viel  Wasser vom Himmel fiel wie sonst im ganzen Quartal. Im Jahr darauf – 2018 ist eigentlich als Trockenjahr in Erinnerung – sorgte ein Platzregen in der Hauptstadt für ein derartiges Chaos, dass die Berliner Feuerwehr den Ausnahmezustand ausrufen musste. 2019 wiederholte sich das, innerhalb einer Stunde prasselten im Stadtteil Wedding 61 Millimeter Regen nieder – sechs Wassereimer übereinandergestapelt.

Mehr Niederschlag in kurzer Zeit: „Starkregen ist oft ein kleinräumiges Ereignis“, sagt Andreas Becker, Niederschlagsexperte beim Deutschen Wetterdienst. Während der DWD Anfang der 2000er-Jahre 500 bis 700 Starkregen jährlich registrierte, stieg die Zahl zuletzt auf mehr als eintausend pro Jahr – besonders viele davon in den Sommermonaten. Becker: „Damit bestätigen die Messergebnisse in der Tendenz, was unsere Klimamodelle vorhersagen.“ Feiner Landregen, so wie ihn der Bauer mag und wie wir ihn seit Jahrhunderten kennen, der wird abnehmen zugunsten von Starkregenereignissen, „normaler Landregen, das wird in Zukunft die Ausnahme sein“, sagt Becker.

„1980 war die Arktis im Sommer noch mit 8 Millionen Quadratkilometern Eis bedeckt. [...] Der zum Vorschein kommende dunkle Ozean absorbiert viel mehr Strahlungsenergie, was die Arktis wärmer macht, was im kommenden Jahr mehr Eis kostet und den Ozean weiter aufheizt – ein Teufelskreis.“

Nick Reimer

"Ich bin mit dem Bär" steht auf diesem Protest auf der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen: Die Lage am Nordpol betrifft nicht nur sein Leben, sondern auch unser Wetter. (Foto: Nick Reimer)

Neben „mehr gespeichertem Wasser“ ist auch der Nordpol an unseren neuen Wetterextremen „schuld“. Beziehungsweise der Jetstream – zu deutsch Strahlstrom, – ein Höhenwind, der mit bis zu 540 Kilometern pro Stunde mehr als zwölf Kilometer über unsere Köpfe hinweg pfeift. Zum Vergleich: Hurrikan „Patricia“ brachte es 2015 in erdnahen Schichten „nur“ auf 345 Kilometer pro Stunde, die bis dato stärkste je gemessene Windgeschwindigkeit über dem Atlantik. Aber nicht nur die Geschwindigkeit des Jetstreams ist für uns maßgeblich, sondern auch seine Wellenbewegung: Wie eine endlose Sinuskurve mäandert er von West nach Ost über die Nordhalbkugel. „Dieses Starkwindband gilt eigentlich als Motor für die Hoch- und Tiefdruckgebiete“, sagt die Meteorologin Verena Leyendecker. Angetrieben wird dieser Höhenwind wie jedes andere Brausen von einer Temperaturdifferenz – in diesem Falle von jener zwischen den Tropen zur Arktis. Allerdings erhitzt sich der Nordpolarraum viel stärker als die meisten anderen Weltgegenden, das arktische Meereis schrumpft dramatisch. Weil der Antrieb wegen der abnehmenden Temperaturdifferenz geringer wird, „kommen die Hoch und Tiefs nicht mehr voran“, so die Expertin vom Wetterdienst Wetteronline. „Deshalb lag das Tief ‚Bernd‘ so lange bei uns, und hat uns so lange diesen Niederschlag gebracht.“

Eine Entwicklung, die schon nicht mehr aufgehalten werden kann: Sie treibt sich mittlerweile selbst an, ein so genannter Kipppunkt im Klimasystem. 1980 war die Arktis im Sommer noch mit 8 Millionen Quadratkilometern Eis bedeckt. Helles Eis reflektiert wie ein Spiegel viel Sonnenlicht zurück ins All. Allerdings schmilzt immer mehr von diesem Eis, 2020 war die vereiste Fläche nur noch halb so groß. Der darunter zum Vorschein kommende dunkle Ozean absorbiert viel mehr Strahlungsenergie, was die Arktis wärmer macht, was im kommenden Jahr mehr Eis kostet und den Ozean weiter aufheizt – ein Teufelskreis.

Ein schwächelnder Jetstream verlangt nach besserer Anpassung

Forschungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Arktis im Sommer zum Ende der 2030er-Jahre eisfrei sein wird. Dadurch sinkt die Temperaturdifferenz zwischen Arktis und Tropen immer weiter, die geringere Antriebskraft lässt den Jetstream schwächeln, was uns immer häufiger Wetterextreme beschert. 2018 war der Höhenwind für den ausbleibenden Regen in Deutschland genauso verantwortlich, wie für die Extremtemperaturen 2019. „Der lahmende Jetstream sorgte im Sommer 2021 dafür, dass es in der USA so extrem heiß war“, sagt Meteorologin Leyendecker. Im Südwesten waren mehr als 50 Grad gemessen worden, ein neuer Rekord. Ebenso sorgte der durcheinander geratene Jetstream 2019 für extreme Kälte im Norden Amerikas – mit Tiefstwerten von fast minus 40 Grad Celsius im Mittleren Westen. 

„Anpassen heißt, Häuser in den Städten abreißen, um Frischluftschneisen zu schaffen, denn Mitte des Jahrhundert kochen die Städte.“

Nick Reimer

Wir leben also schon mitten im Klimawandel und müssen uns deshalb anpassen. Früher, im gemäßigten Klima Mitteleuropas, war es sinnvoll, im Tal zu siedeln, die Wasserkraft trieb Mühlen an und half den Menschen so bei der Arbeit. Im nun extremer werdenden Klima ist es sinnvoll, aus dem Tal wegzuziehen – wegen der Wasserkraft, die immer häufiger so entfesselt wirkt, dass sie nicht beherrschbar ist. Anpassen bedeutet: Den Flüssen mehr Raum geben, Wasser für die Dürren speichern, Deiche erhöhen und zurückverlegen, Notfallpläne überarbeiten und Frühwarnsysteme etablieren. Anpassen heißt, Häuser in den Städten abreißen, um Frischluftschneisen zu schaffen, denn Mitte des Jahrhundert kochen die Städte. Mit Anpassung sind Klimaanlagen gemeint, die in den Arzpraxen und Krankenhäusern eingebaut werden müssen, damit künftig noch Heilung möglich ist. Oder viele Millionen Flüchtlinge, die aus dem unwirtlich gewordenen Süden zu uns nach Mitteleuropa streben.

Vor allem aber ist es wichtig, endlich mit echtem Klimaschutz zu beginnen. Denn das extremer werdende Wetter zeigt uns, wie gravierend die Eingriffe der Menschheit in die Natur unsere Lebensgrundlagen bedrohen. Echter Klimaschutz bedeutet nicht nur Tempo 100 auf den Autobahnen, ein Ausstieg aus der Kohlekraft, eine Verteuerung von Fleisch, der Abbau von klimaschädlichen Subventionen oder ein Verbot von Inlandsflügen. Echter Klimaschutz bedeutet autofreie Innenstädte, ein Bauverbot mit Beton und Stahl, Solarpflicht auf allen Dächern und natürlich „5 Mark für den Liter Benzin“.

Als klimaverträglich gelten 1,5 Tonnen Treibhausgase pro Kopf und Jahr. Eine Kreuzfahrt (Luxus, 7 Tage) schlägt mit 2,8 Tonnen zu Buche. Echte Klimapolitik bedeutet, den Menschen zu ermöglichen, klimaverträglich leben zu können. Und sie bedeutet, die Menschen dann auch zu einem solchen Leben zu verpflichten. Denn aktuell liegen wir Deutschen durchschnittlich bei 8,4 Tonnen pro Kopf jährlich.