Interview mit Caroline Gebauer, BUND

„Eine dezentrale Energiewende in Bürger*innenhand ist sozial gerechter und naturverträglicher“

Warum die Energiewende sinnvollerweise ein gemeinschaftliches Projekt vieler ist, erklärt Caroline Gebauer vom BUND. Auch der EU liegt daran, ihren Bürger*innen mehr Rechte als "Prosumer" – damit ist sowohl Produktion als auch Konsum von Energie gemeint – zuzugestehen. Da hat die deutsche Bundesregierung einiges aufzuholen.

„Der Strom kommt aus der Steckdose“ und bisher im Wesentlichen von privaten Großkonzernen. Ist das so schlecht?
Aus unserer Sicht macht es Sinn, die Energiewende als ein gesamtgesellschaftliches Projekt zu betrachten. Es geht nicht nur darum, die Energieversorgung von fossilen Energien auf Erneuerbare umzustellen, sondern auch darum, eine Identifikation mit dem Allgemeingut Energie zu schaffen. Wenn Menschen von der Erzeugung von erneuerbaren Energien profitieren und die Energiewende mitgestalten können, bietet das die Chance, dass sie eine persönliche Beziehung zu Wärme und Strom aufbauen und somit auch der Umgang mit diesen Gütern sorgsamer und klüger wird. Energie so sparsam wie möglich zu nutzen, ist zentral ist für das Gelingen der Energiewende. Ein dezentral organisiertes Energiesystem, das auf den Schultern von vielen verschiedenen Akteuren ruht – seien es regionale Stadtwerke, Energiegenossenschaften und -gemeinschaften oder die einzelnen Bürger*innen selbst –, fördert die regionale Wirtschaft, ökonomisch stabile Kommunen und trägt somit zu mehr Gerechtigkeit bei Produktion und Verbrauch des Allgemeingutes Energie bei.

„Je verbrauchsnaher Erneuerbare ausgebaut werden, umso weniger große Strecken müssen diese zurücklegen und das macht in den allermeisten Fällen aus Naturschutzsicht Sinn.“

Caroline Gebauer, BUND

Neben diesem sozialen Aspekt bietet ein dezentrales Energiesystem vor allem auch Vorteile für den Naturschutz. Große Infrastrukturen wie zum Beispiel Hochspannungsleitungen, aber auch Offshorewindparks können vermieden und dadurch negative Eingriffe in die Natur reduziert werden. Je verbrauchsnaher Erneuerbare ausgebaut werden, umso weniger große Strecken müssen diese zurücklegen und das macht in den allermeisten Fällen aus Naturschutzsicht Sinn. Allem voran geht natürlich der Ausbau auf ohnehin schon versiegelten Flächen wie zum Beispiel Dächer, Fassaden oder Parkplätze.
Zusammenfassend: Eine dezentrale Energiewende in Bürger*innenhand ist sozial gerechter und naturverträglicher als das bestehende System, welches auf wenigen großen Konzernen beruht.

Was verbirgt sich hinter dem Slogan „Energie in Bürger*innenhand“?
Bürger*innenenergie entstand aus dem Wunsch der Menschen, ihre Belange in die eigenen Hände zu nehmen und Energie selbst erzeugen. Bürger*innenenergie hat unterschiedlichste Formen: damit ist der gemeinsame Windpark, die Solaranlage auf dem Schuldach, ein gemeinschaftliches Nahwärmenetz, das Bioenergiedorf, das Elektromobil-Ladenetz in Bürger*innenhand oder die Solaranlage auf dem eigenen Hausdach.

In Deutschland war der Ausbau Erneuerbarer eine Erfolgsgeschichte, nicht nur, weil Erneuerbare inzwischen die Hälfte des Strombedarfs decken, sondern auch weil der Ausbau eine Bewegung von engagierten Bürgerinnen und Bürgern ist. Die installierte Leistung an erneuerbaren Energien geht zu 40 Prozent auf sie zurück. Mit der Zeit wurden aber immer mehr Hürden aufgebaut und diese gilt es wieder zu beseitigen, um Bürger*innenenergie wieder den Stellenwert zu geben, den sie verdient hat. 

„Die neue Bundesregierung muss sich jetzt konsequent dafür einsetzen, alle Hürden und Hemmnisse zu beseitigen, die gerade kleinere Marktakteure behindern, an der Energiewende zu partizipieren und diese mitzugestalten. Ein ganz wichtiger Schritt ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die gemeinschaftliche Erzeugung, Verteilung und Verbrauch von Strom ermöglichen.“

Caroline Gebauer, BUND

Manchen scheint dieser Ansatz eher aus der „grüne-Spinner-Ecke“ zu kommen. Aber auf europäischer Ebene gibt es für mehr Partizipation im Energiesektor auch gesetzliche Grundlagen, oder?
Das stimmt, die EU spricht in ihrer Mitteilung zur Europäischen Energieunion von einer „Revolution“ im Energiebereich, wobei Bürger*innen und ihre Rechte als Prosumer (Produzent*innen und Konsument*innen) in den Mittelpunkt einer neuen EU-Energiemarktregulierung gestellt werden sollen.  
Aus der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (RED II) geht hervor, dass dies bis Mitte 2021 in nationales Recht umgesetzt werden soll. Staaten wie Portugal oder Polen haben hier konkrete Vorschläge erarbeitet, in der letzten Erneuerbaren-Energien-Novelle in Deutschland bleibt dies jedoch eine Leerstelle. Deswegen haben wir gemeinsam mit einem breiten Bündnis im Juli Beschwerde bei der EU eingereicht wegen Nichtumsetzung der RED II. Die neue Bundesregierung muss sich jetzt konsequent dafür einsetzen, alle Hürden und Hemmnisse zu beseitigen, die gerade kleinere Marktakteure behindern, an der Energiewende zu partizipieren und diese mitzugestalten. Ein ganz wichtiger Schritt ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die gemeinschaftliche Erzeugung, Verteilung und Verbrauch von Strom ermöglichen.

In Anbetracht des vermehrten Ausbaus der erneuerbaren Energien bilden sich ja auch von Bürger*innen getragene Initiativen gegen Windkraftparks. Was könnte denn die Motivation für die dezentrale Energiewende erhöhen?
Ich möchte nochmal betonen, dass ein Großteil der Bürger*innen sich für den Ausbau Erneuerbarer ausspricht, auch in ihrem näheren Umfeld, was bereits verschiedene Umfragen deutlich gemacht haben. Es ist einfach so, dass die wenigen, die sich gegen zum Beispiel Windparks stellen, eine sehr laute Minderheit sind.  

Um sich mit dem Projekt Energiewende identifizieren zu können braucht es echte Partizipationsmöglichkeiten. Das fängt bei einer kommunalen Abgabe an, geht über Bürger*innenenergiefonds, um die Projektierung für Bürger*innen zu vereinfachen bis hin zu Rahmenbedingungen um mit meinen Nachbar*innen gemeinschaftlich Energie zu erzeugen und zu verbrauchen. Die Politik hat dieses Potenzial bisher verkannt und muss dies dringend ändern.
Zudem hat die ganze Debatte über pauschale Abstände zu Windenergieanlagen meiner Meinung nach dem Erneuerbaren-Ausbau und damit auch der Akzeptanz für ein verändertes Landschaftsbild stark geschadet. Menschen wird damit suggeriert, es sei eine Zumutung, einen Windpark zu sehen, bei Kohlekraftwerken gibt es solche pauschalen Abstände nicht, was völlig absurd ist. Es zeigt, dass der Erneuerbaren-Ausbau politisch nicht wirklich gewollt war und man versucht hat, diesen mit einem solchen Framing zu unterbinden. Wir müssen dahin kommen, dass Menschen stolz sind, ihre Energie selbst zu produzieren und Teil dieses großen Projektes Energiewende zu sein.

Was kann ich als Privatperson ohne Eigenheim tun, damit die Energiewende ein bisschen mehr Tempo bekommt, ohne gleich ein Start-up oder ein Elektrizitätswerk zu gründen?
Der einfachste Schritt für jede Einzelne ist der Bezug von Ökostrom. Wir empfehlen Stromanbieter, die durch das „Gründer-Strom Label“ zertifiziert werden. Das Label setzt eine Vielzahl von Nachhaltigkeitskriterien für die Erzeugung an und man kann sich somit sicher sein, dass es sich um „echten“ Ökostrom handelt.

Zudem können wir alle darauf achten, sorgsam mit Energie umzugehen. Energiesparen ist ebenso wichtig für das Gelingen der Energiewende wie die Umstellung auf Erneuerbare. Zum Beispiel ist hier ein Blick auf das Energielabel beim Kauf von Kühlschrank oder Waschmaschine empfehlenswert. Ebenso kann man eine Energieberatung für den eigenen Haushalt in Anspruch nehmen, bei den Verbraucherzentralen ist diese kostenfrei.

Ein ambitionierterer Schritt wäre, in eine Erneuerbaren-Energien-Gemeinschaft zu investieren oder gar selbst eine zu gründen. Auf der Internetseite vom Bündnis Bürgerenergie findet sich eine Karte von bestehende Energiegemeinschaften, so kann man schauen, welche sich in der Nähe befinden.

Stromerzeugen ist ja nicht die einzige Säule der Energiewende. Inzwischen wird überall fleißig ausgerechnet, wieviel Mehrbedarf an Strom der Gesellschaft durch E-Mobilität, CO2-Neutralität und Durchdigitalisierung entstehen. Kann ich als Einzelne oder Einzelner durch Stromsparen wirklich dazu beitragen, dass der gesamte Verbrauch sinkt?
Der Strombedarf wird deutlich steigen, weil Anwendungen, die bisher über fossile Energie wie Gas oder Kohle abgedeckt werden, zukünftig strombasiert sein werden, wie das Beispiel Elektromobilität zeigt. Insgesamt müssen wir jedoch darauf achten, dass der Energieverbrauch deutlich zurückgeht und um mindestens die Hälfte reduziert wird, um den Bedarf naturverträglich und sozial gerecht zu decken. Wie jede und jeder Einzelne dazu beitragen kann, habe ich ja bereits beschrieben. Entscheidend ist jedoch aus meiner Sicht vor allem, dass die Rahmenbedingungen von der Politik so gestaltet werden, dass Energie eingespart wird. Als Beispiel kann der Gebäudesektor herangezogen werden. Damit Gebäude so gebaut und modernisiert werden, dass wir einen klimaneutralen Gebäudebestand erhalten, braucht es ambitionierte Effizienzstandards. Genau solche Vorgaben zu machen hat die Regierung bisher versäumt, dass muss schleunigst nachgeholt werden.

[Interview: Juliane Grüning]