Wasser & Meere

WWF: Wasserkraftstandards ungenügend

09.09.2021

Die am Mittwoch auf dem World Hydropower Congress vorgestellten weltweit ersten Wasserkraftstandards werden aus Sicht des WWF nicht ausreichen, um die verheerenden Auswirkungen des Sektors auf die Ökosysteme und die biologische Vielfalt in Europa zu bekämpfen. Die europäischen Flüsse seien bereits jetzt mit Wasserkraftwerken überlastet – nur ein Stopp neuer Wasserkraftprojekte und ihrer Subventionen kann Europas Flüsse und ihre Tierwelt schützen, so die Organisation.

Der Wasserkraftstandard ist eine Verpflichtung der Branche, ihre negativen Auswirkungen auf Flüsse, Gemeinden und die Natur zu verringern. „Die Tatsache, dass die Industrie selbst versucht, das Problem anzugehen, beweist, dass die bestehenden Regeln nicht funktionieren. Wir brauchen in Europa ein Verbot der Finanzierung von neuen Wasserkraftprojekten. Stattdessen müssen Investitionen in die Sanierung bestehender, schädlicher Wasserkraftwerke und in nachhaltige Optionen wie Wind- oder Solarenergie getätigt werden“, sagte Claire Baffert vom WWF-Europabüro.

Die von der International Hydropower Association (IHA) eingegangenen Verpflichtungen in Bezug auf Schutzgebiete stellten aus Sicht des WWF Zentral- und Osteuropa (CEE) „einen ersten, sehr kleinen Schritt nach vorn für eine Branche dar, die Tausende von Projekten in Schutzgebieten geplant oder im Bau hat“. Es seien die ersten Verpflichtungen, die die Branche jemals in Bezug auf Schutzgebiete eingegangen sei. Tatsächlich sei die Verpflichtung zu Weltkulturerbestätten das erste Eingeständnis der Branche, dass es Orte gibt, die für neue Wasserkraftwerke tabu sein sollten. Die IHA-Verpflichtungen gingen jedoch längst nicht weit genug und würden weiterhin die Entwicklung von Wasserkraftprojekten in Schutzgebieten ermöglichen, was die globale Naturkrise noch verschärfe, so der WWF CEE.

Die europäischen Flüsse seien bereits jetzt die am stärksten zerstückelten der Welt, was größtenteils auf die 21.000 Wasserkraftwerke zurückzuführen ist. Dies habe katastrophale Auswirkungen auf die Süßwasserökosysteme und die biologische Vielfalt, zum Beispiel auf Lachse oder Aale, die wandern müssen, um zu überleben. Jede neue Wasserkraftanlage bringe zusätzliche negative Auswirkungen auf die Süßwasserökosysteme in Europa mit sich, die nur in begrenztem Umfang gemildert und von der Natur nicht mehr bewältigt werden können, fasste das WWF-Europabüro zusammen. [jg]

WWF Europabüro: First hydropower Standard will not stop damage to European rivers

WWF CEE: The First Hydropower Standard Will Not Stop Damage to Central and Eastern European Rivers

Nachhaltige Gewässerpolitik

c. pixabay/Hans Braxmeier

Forschungsbasierte Handlungsempfehlungen des IGB

Der Verlust der biologischen Vielfalt in Binnengewässern bekommt aus Sicht des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) bisher zu wenig Raum im öffentlichen und politischen Fokus. Dabei dränge die Zeit, denn Binnengewässer könnten ihre vielfältigen Funktionen als Lebensraum und Schlüsselressource nur erfüllen, wenn sie konsequent geschützt, nachhaltig bewirtschaftet und ökologisch verbessert werden. „Unser Leben und unsere Gesellschaft hängen von Gewässern und ihrer biologischen Vielfalt ab. Gewässerpolitik ist keine zusätzliche Bürde oder Luxus, sondern sollte als notwendige Vorsorgepolitik zur nachhaltigen Zukunftssicherung für Mensch und Natur begriffen werden“, mahnte IGB-Wissenschaftler und Mitautor Dr. Christian Wolter. Die Bundespolitik müsse eine stärker gestaltende Rolle einnehmen, Länder und Kommunen unterstützen und auch international die gewässerbezogene Biodiversitätspolitik vorantreiben. Politik und Verwaltung müssten zudem dringend dem großen Umsetzungsdefizit der europäischen Umweltgesetzgebung in Deutschland begegnen. Hierzu hat das IGB sieben Handlungsempfehlungen erarbeitet:

  1. Mehr Raum für Fließgewässer schaffen
  2. Fließgewässersysteme wieder durchgängig machen und vernetzen
  3. Gewässerbelastungen vermeiden, reduzieren und realistisch bepreisen
  4. Eine integrative Strategie zur Gewässerbewirtschaftung entwickeln
  5. Entscheidungs- und Abwägungsverfahren für Zielkonflikte zwischen Schutz und Nutzung etablieren
  6. Bestehende Umweltgesetzgebung besser umsetzen und den Schutz der aquatischen Biodiversität ressortübergreifend als Ziel priorisieren
  7. Daten und Informationen zur Gewässerbiodiversität öffentlich verfügbar machen

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