Zeitreise 2045: Wie der Circular Economy Act Europa krisenfest machte

In diesem Herbst will die EU-Kommission ein neues Kreislaufwirtschaftsgesetz vorlegen. Was wäre, wenn es diesmal ein besonders mutiger Rechtsakt ist, der wirklich etwas ändert?
Eine politisch-utopische Einordnung von Lena Steltzner, DNR
Lara merkt erst am Frühstückstisch, dass das Messer ihres Mixers stumpf geworden ist.
Früher hätte sie wahrscheinlich ein neues Gerät gekauft. Oder zumindest lange nach einem passenden Ersatzteil gesucht. Heute scannt sie den QR-Code auf der Unterseite. Der digitale Produktpass öffnet sich sofort: Materialzusammensetzung, Reparaturanleitung, verfügbare Ersatzteile, nächstes Reparaturzentrum.
„Lieferung bis morgen oder Abholung im ReUse-Hub heute Nachmittag“, steht dort. Lara klickt auf Abholung.
Während die Kaffeemaschine läuft, denkt sie kurz daran, wie selbstverständlich all das inzwischen geworden ist. Dabei war es noch zehn Jahre zuvor normal gewesen, Produkte wegzuwerfen, obwohl oft nur ein kleines Teil kaputt war.
Die eigentliche Veränderung begann damals mit dem europäischen Circular Economy Act.
Lange war Kreislaufwirtschaft in Brüssel vor allem als Recyclingpolitik diskutiert worden: Reyclingquoten, Märkte für Sekundärrohstoffe und die Qualität der Rezyklate. Doch Mitte der 2020er Jahre verschob sich die Debatte. Energiekrisen, unterbrochene Lieferketten und geopolitische Spannungen machten deutlich, wie abhängig Europas Wirtschaft von Rohstoffimporten geworden war. Gleichzeitig stieg der Materialbedarf durch die Elektrifizierung der Industrie und der Gebäude, E-Mobilität, Digitalisierung und den Ausbau erneuerbarer Energien rasant an.
Die EU begann, ihre Wirtschaft als Ganzes resilienter aufzustellen — nicht nur ihre Abfallpolitik.
Heute, im Jahr 2045, zeigt sich diese Veränderung überall im Alltag.
Auf dem Weg zur Arbeit fährt Lara an einem ehemaligen Einkaufszentrum vorbei: An Sharing-Anbietern, Post-Fast-Fashion-Läden, Elektronikmärkte mit Reparaturwerkstätten und Betriebe, die gebrauchte Geräte aufbereiten. Im Erdgeschoss befindet sich ein kommunaler Circular Hub. Dort werden Produkte gesammelt, sortiert, repariert und wieder in Umlauf gebracht.
Finanziert wurde der Aufbau dieser Infrastruktur über die Reform der erweiterten Herstellerverantwortung.
Europaweit sind Unternehmen mittlerweile Teil von kollektiven Organisationen für Herstellerverantwortung. Die Beiträge finanzieren nicht nur Recycling, sondern Wiederverwendung, Reparatur, Sammel- und Sortiersysteme sowie gemeinsame europäische Rücknahmestrukturen.
In vielen Städten Europas entwickelten sich Reparatur- und Wiederaufbereitungszentren zu einem selbstverständlichen Teil der lokalen Infrastruktur.
Da die Ökodesign-Regeln nicht mehr nur für einzelne Elektro- und Haushaltsgeräte, sondern schrittweise auch für Batterien, Fahrzeuge, Möbel oder Bauprodukte galt, änderte sich das Design einzelner Produkte. Es entstanden völlig neue Geschäftsmodelle und Märkte.
Besonders zirkulär designte Produkte zahlen geringere Gebühren. Kurzlebige oder schwer reparierbare Produkte wurden dagegen teuer.
Das veränderte die Industrie schneller als viele erwartet hatten.
Lara arbeitet inzwischen selbst in einem Unternehmen, das es ohne diese Reformen wahrscheinlich nie gegeben hätte.
Als Projektleiterin koordiniert sie Verträge zwischen Kommunen und Baustoffunternehmen. Betonreste aus Rückbauprojekten werden gesammelt, aufbereitet und als hochwertige Sekundärbaustoffe wieder in den Markt gebracht. Früher galt Bauschutt vor allem als Entsorgungsproblem. Heute wird er als strategischer Rohstoff in Brechsand verwandelt und zur Zementherstellung genutzt.
Entscheidend dafür war, dass die EU öffentliche Beschaffung reformierte.
Städte und öffentliche Auftraggeber müssen bei Infrastrukturprojekten inzwischen verbindliche Kriterien für zirkuläre Materialien berücksichtigen. Erst dadurch entstanden stabile Märkte für wiederverwendbare Baustoffe. Und erst dadurch lohnten sich Investitionen in neue Aufbereitungsanlagen, digitale Materialregister und grenzüberschreitende Lieferketten für Sekundärrohstoffe.
Lara erinnert sich noch an die Diskussionen damals.
Viele Unternehmen hatten Angst ihre bekannten Abläufe zu verändern. Doch der Bundesverband für Deutschen Industrie war bereits 2026 von der strategischen Notwendigkeit der Kreislaufwirtschaft überzeugt: Er warb mit einer Bruttowertschöpfung von 750 bis 920 Milliarden Euro bis 2045 (Boston Consulting Group 2026). Heute gehören zirkuläre Geschäftsmodelle zu den stabilsten Wachstumsfeldern Europas.
Reparaturbetriebe, Refurbishment-Unternehmen, Materialbörsen und digitale Wartungsplattformen beschäftigen Millionen Menschen. Wie von der europäischen Umweltagentur erwartet, hatte die Umstellung zur zirkulären Wirtschaft EU-weit bereits in 2030 rund 700.000 neue Jobs geschaffen – zusätzlich zu den mehr als 4 Millionen zirkulären Arbeitsplätzen, die es 2018 schon gab (European Environmental Agency 2026).
Auch Banken und Finanzinstitute begannen umzudenken.
Nachdem die Europäische Union Kreislaufwirtschaft stärker in ihre „Taxonomie“ – das Regelwerk zur Einstufung nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten – und Förderprogramme integriert hatte, wurden zirkuläre Geschäftsmodelle deutlich leichter finanzierbar. Laras Unternehmen erhielt damals einen vergünstigten europäischen Transformationskredit. Ohne diese Finanzierung hätten sie ihre Aufbereitungsanlagen niemals aufbauen können. Mittlerweile erzielt das Unternehmen stabile Gewinne und exportiert sein System in andere europäische Regionen.
Am Nachmittag holt Lara das neue Mixermesser ab.
Im ReUse-Hub ist viel los. Ein älterer Mann druckt gemeinsam mit einer Technikerin ein Ersatzteil für seinen Staubsauger. Zwei Jugendliche holen aufbereitete Tablets für ihre Schulklasse ab. In einer offenen Werkstatt zerlegt jemand einen alten Akkuschrauber.
An einer Wand hängt eine Anzeige: „Durch Wiederverwendung und Reparatur wurden in diesem Quartal 1.260 Tonnen Primärrohstoffe eingespart“. Vor zehn Jahren hätte Lara diese Zahl wahrscheinlich überlesen. Heute weiß fast jeder, warum sie wichtig ist.
Denn der Circular Economy Act hatte erstmals verbindliche europäische Ziele für den Primärressourcenverbrauch eingeführt.
Nicht nur Emissionen, sondern auch Materialverbrauch wurden zur politischen Steuerungsgröße.
Umwelt-NGOs hatten bereits in den frühen 20er Jahren gefordert den absoluten Rohstoffverbrauch Deutschlands deutlich zu senken, um die planetaren Grenzen einzuhalten. Das ambitionierte Handeln der Bundesregierung der letzten zwei Jahrzehnte hat sich ausgezahlt: Der Rohstoffverbrauch (RMC) konnte demnach um 179 Millionen Tonnen beziehungsweise 27 Prozent sinken, der gesamte Materialverbrauch (TMC) sogar um 329 Millionen Tonnen oder 26 Prozent. Zugleich ließen sich Treibhausgasemissionen um 26 Prozent und der industrielle Energieverbrauch um 17 Prozent reduzieren (Tauer und Aechtner 2023).
Europa begann, Ressourcen nicht mehr als unbegrenzt verfügbare Grundlage billiger Produktion zu behandeln, sondern als strategische Grundlage wirtschaftlicher Resilienz.
Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen, Rohstoffknappheit und zunehmender Klimakrise wurde das entscheidend.
Die Konkurrenz um Lithium, Kupfer, Seltene Erden und industrielle Rohstoffe hatte sich in den vergangenen Jahren weiter verschärft. Doch Europa war weniger verwundbar als früher. Produkte blieben länger im Umlauf. Materialien wurden systematisch zurückgewonnen. Städte entwickelten sich zu urbanen Rohstofflagern. Damit sanken Importe von seltenen Erden um 20 bis 40 Prozent und Batteriematerialien um 10 bis 15 Prozent (Boston Consulting Group 2026).
Selbst Onlineplattformen wie Tema und Shayne funktionieren inzwischen anders.
Nachdem die EU strengere Sorgfaltspflichten umgesetzt hatte, verschwanden viele gesundheitsschädlichen Produkte vom Markt, die früher weder Sicherheits- noch Anforderungen an ein umweltgerechtes Produktdesign erfüllten. Plattformen haften heute dafür, dass Produkte registriert sind, Reparaturpflichten erfüllen und den europäischen Standards entsprechen.
Zu Hause setzt Lara das neue Messer ein. Es klickt problemlos ein.
Sie denkt kurz daran, wie normal es früher gewesen war, Dinge ständig zu ersetzen. Wie Waren um die halbe Welt transportiert wurden, oft nur für wenige Jahre Nutzung, bevor sie auf Deponien landeten oder verbrannt wurden.
Heute wirkt dieses Wirtschaftsmodell erstaunlich altmodisch.
Rückblickend markierte der Circular Economy Act den Beginn eines europäischen Transformationsprojekts: weg von der Wegwerfgesellschaft - hin zu einer Wirtschaft, die Wertschöpfung aus Nutzung, Wiederverwendung, Reparatur und langfristigem Materialerhalt erzeugt.
Denn die eigentliche Veränderung bestand nie darin, Müll besser zu recyceln. Sondern darin, Wirtschaft neu zu organisieren.
Je stärker geopolitische Konflikte, Lieferkettenkrisen und Rohstoffkonkurrenz zunahmen, desto deutlicher wurde: Eine Wirtschaft, die Materialien möglichst lange im Umlauf hält, ist widerstandsfähiger. Kreislaufwirtschaft wurde damit vom Umweltprojekt zum Resilienzprojekt.
Im Herbst 2026 will die EU-Kommission ihren Vorschlag für den Circular Economy Act vorlegen. Noch aber folgt Europas Wirtschaftspolitik vor allem der Logik des Abfallmanagements: Recyclingquoten, Sekundärrohstoffe, effizientere Müllströme. Das klingt nach Fortschritt, bleibt im Kern aber dem linearen Modell verpflichtet, das Ressourcen verschwendet, Produkte verschleißt und am Ende entsorgt.
Die EU kann ihren Kurs noch korrigieren. Mit einem mutigen Circular Economy Act würde sie den Übergang zu einer krisenfesten Kreislaufwirtschaft einleiten, das nicht Ende der Wertschöpfungskette ansetzt, sondern am Anfang: beim geringeren Ressourcenverbrauch, bei langlebigem Design, bei Wiederverwendung und Reparatur. Eine Wirtschaft also, die Materialien möglichst schont und lange im Umlauf hält.
Nur ein solcher Wandel wird die Vision von Laras Welt greifbar machen und eine Ökonomie ermöglichen, die innerhalb planetarer Grenzen funktioniert.
Weitere Vorschläge dazu finden Sie in unserem Positionspapier „Circular Economy Act als Wegbereiter für eine resiliente und nachhaltige EU-Wirtschaft“.
Quellen:
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Boston Consulting Group (2026). Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz - Chancen der Circular Economy für die deutsche Industrie.
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European Environment Agency (2026). Just transition to a circular economy. EEA Briefing 04/2026.
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Tauer und Aechtner (2023). Circular Economy Model Germany: A comprehensive circular economy for Germany in 2045. WWF Deutschland.
Hintergrund
Die EU-Kommission will im vierten Quartal 2026 einen Rechtsakt über die Kreislaufwirtschaft vorschlagen, den Circular Economy Act (CEA), wozu bis November 2025 Kommentare eingereicht werden konnten. Der geplante CEA ist Teil des Green Deal und des Clean Industrial Deal und soll Europa auf den Weg zu einer ressourcenschonenden und klimaneutralen Kreislaufwirtschaft führen. Hinzu kommen Ziele wie strategische Unabhängigkeit von Rohstoffimporten, die Förderung innovativer Geschäftsmodelle und die Reduzierung vom Rohstoffverbrauch insgesamt. Wiederverwendung und Recycling von Materialien sollen systematisch gefördert und dadurch die Umweltbelastung durch Abfälle und Treibhausgasemissionen minimiert werden.


