Interview mit Dr. Pierre Ibisch

Auf dem Holzweg?

Für eine echte, zukunftstaugliche Waldwende braucht es interdisziplinäre, ganzheitliche Strategien, fordert Dr. Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz am Centre for Econics and Ecosystem Management der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.

Klimawandel, drei Dürrejahre in Folge, verheerende Sturmschäden, der Borkenkäfer: Den Wäldern in Deutschland geht es von Nord bis Süd schlecht. Sind die Räumung von sogenanntem Schadholz oder traditionelles Wiederaufforsten die richtigen Mittel zur Gesundung oder befinden wir uns damit auf dem Holzweg?
Ich halte die vielen Groß-Kahlschläge und Räumungen auf den von Schädigungen betroffenen Flächen für eine der größten Umweltskandale, die sich aktuell entfalten. Ich bin relativ sicher, dass hier großflächig gegen Bodenschutz-, Wasser- und auch Naturschutzrecht verstoßen wird, und zwar unter Verwendung von öffentlichen Fördermitteln. Kahlschläge haben viele negativen Wirkungen, das ist alles belegt; und jetzt kommt in den Zeiten des Klimawandels hinzu, dass sie zur Aufheizung und Austrocknung der Landschaft beitragen. Die Kahlschläge bedeuten eine Absenkung des Naturraumpotenzials und eine Verringerung der Chancen für eine Wiederbewaldung. Ich habe in den letzten drei Jahren viele Pflanzungen gesehen, in denen die Bäume schlecht aussahen.

Die Wälder und Forste sollen weniger krisenanfällig werden. Die einen wollen vermehrt Schädlinge bekämpfen, andere fordern die Bepflanzung mit resilienten, teils gentechnisch veränderten Baumarten. Was schlagen Sie vor?
Oberste Priorität muss jetzt die Bewahrung und Entwicklung der ökosystemaren Arbeitsfähigkeit haben. Hier geht es vorrangig um die Fähigkeit der Ökosysteme, Wasser zurückzuhalten und Temperaturen zu senken. Damit werden auch die für Wälder typische Artenvielfalt sowie wichtige ökologische Prozesse im Boden unterstützt. Die aktuelle Waldkrise ist zum Teil eine Folge davon, dass die Wälder durch forstliche Interventionen und Manipulationen sowie mannigfaltige Störungen gegenüber Extremwitterung noch empfindlicher geworden sind. Wo viel Wald „gebaut“ wurde, muss jetzt mehr gepflegt, geflickt und repariert werden. Wir sollten uns jetzt lieber um die Böden, das Wasser und die Biodiversität sorgen, anstatt noch stärker in die Ökosysteme einzugreifen und baumbasiertes Einzelteilmanagement zu betreiben.

Nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch ist die Forstwirtschaft problematisch. Sie stellen deren Wirtschaftlichkeit infrage, sprechen gar von Schadökonomie. Wie meinen Sie das? Und welche Optionen für eine „nachhaltige“ Bewirtschaftung á la von Carlowitz sehen Sie?
Wenn man sich heute dafür einsetzt, dass im Wald weniger eingegriffen und genutzt wird und das Ökosystem mehr von dem wichtigsten Stoff behalten kann, mit dem es selbst auch arbeitet – nämlich Biomasse – steht man im Generalverdacht, gegen Wirtschaft zu sein und Waldbesitzer*innen enteignen zu wollen. Dabei vermischen diejenigen, die von Wirtschaftlichkeit sprechen, regelmäßig Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft. Viele Betriebe können nur halbwegs wirtschaftlich arbeiten, da es in großem Umfang mehr oder weniger gut versteckte öffentliche Subventionen gibt. Im Angesicht der aktuellen Waldkrise wird es besonders deutlich. Wo jetzt flächig die Monokulturen zusammenbrechen, die ursprünglich oft mit öffentlichen Ressourcen angelegt wurden, mit denen dann für eine Zeit gutes Geld verdient wurde, muss nun die öffentliche Hand mit Hunderten von Millionen Euro stützen und helfen. Die Wertschöpfung bezieht sich lediglich auf ausgewählte Werte. Gegengerechnet wird niemals die Schadschöpfung, die sich etwa durch Verschlechterung von Böden, Wasserressourcen und biologischer Vielfalt ergibt. Wenn nun auf den von Schäden betroffenen Flächen massiv gepflügt, gepflanzt und gepflegt wird, ist es überaus fraglich, ob die Kosten jemals durch Erlöse aus der Holzproduktion wieder aufgefangen werden. Die Gesellschaft benötigt die gesamte Palette an Ökosystemleistungen, einige in Zeiten des Klimawandels sogar mehr als andere. Die oft gepriesene Multifunktionalität – im Kielwasser der Holzproduktion – ist ein Mythos. Wir brauchen eine ehrliche und ganzheitliche gesamtökonomische Rechnung der Forstwirtschaft. Carlowitz ging es ja im Wesentlichen auch um die Holzversorgung für die staatliche Wirtschaft. Heute müssen wir angesichts der globalen Ökosystemkrise und des galoppierenden Klimawandels Nachhaltigkeit etwas umfassender konzipieren.

Haiger, Mai 2020 - c. Pierre Ibisch

"Wo jetzt flächig die Monokulturen zusammenbrechen, die ursprünglich oft mit öffentlichen Ressourcen angelegt wurden, mit denen dann für eine Zeit gutes Geld verdient wurde, muss nun die öffentliche Hand mit Hunderten von Millionen Euro stützen und helfen. ... Gegengerechnet wird niemals die Schadschöpfung, die sich etwa durch Verschlechterung von Böden, Wasserressourcen und biologischer Vielfalt ergibt. ... Wir brauchen eine ehrliche und ganzheitliche gesamtökonomische Rechnung der Forstwirtschaft."

Dr. Pierre Ibisch, Professor Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Geben die aktuellen Niederschläge in Form von Schnee und Regen Anlass zur Hoffnung, dass sich die Wasserspeicher wieder auffüllen und den Trockenstress der Bäume mindern?
Allein die Tatsache, dass es in einigen Regionen so viel Schnee gegeben hat, ist schon großartig. Er bedeutet eine bessere Versickerung des Wassers beim langsamen Tauen und weniger Oberflächenabfluss. Leider sieht es so aus, dass in einigen Regionen in tieferen Bodenschichten nach wie vor ein starkes Wasserdefizit existiert. Es müsste wochenlang regnen, um die Effekte der mehrjährigen Dürre wieder aufzuheben. Leider sieht es nicht danach aus. Eine sehr dringliche Aufgabe, die über das Waldmanagement hinausgeht: Wie können wir durch die Entwicklung der Landschaftsökosysteme zur Stabilisierung des Wasserhaushalts beitragen?

Neben Wassermangel schwächen auch Insekten Bäume, indem ihre Raupen Blätter und Nadeln fressen. Sind Wälder noch effiziente Kohlenstoffspeicher?
Die Wuchsleistung und damit auch die Kohlenstoffspeicherung hat sich in vielen Wäldern reduziert. Besonders dramatisch zeigt sich das Problem natürlich auf den Hundertausenden von Hektar Waldflächen, auf denen Bäume absterben. Wir müssen deshalb möglichst effektiv die eigenen Abwehrkräfte der Waldökosysteme stärken. Das wird aber nicht gelingen, indem wir jetzt vermehrt Insektizide im Wald einsetzen, wie es nunmehr immer lauter gefordert wird. Insektizide im Wald als Beitrag zum Klimaschutz!? Solche Ideen aus den Reihen der Forstwissenschaften schockieren mich in einer Zeit, in der wir nun gerade eine gewisse öffentliche Wahrnehmung für den Einbruch von Biomasse und Artenvielfalt bei den Insekten unserer Landschaft erreicht haben.

"Insektizide im Wald als Beitrag zum Klimaschutz!? Solche Ideen aus den Reihen der Forstwissenschaften schockieren mich in einer Zeit, in der wir nun gerade eine gewisse öffentliche Wahrnehmung für den Einbruch von Biomasse und Artenvielfalt bei den Insekten unserer Landschaft erreicht haben. … In jedem Falle sind die sogenannten Schadinsekten aber nicht Ursache der Krise ... Ohne Klimawandel und ohne Monokulturen hätten wir keine ernsten Borkenkäferprobleme."

Dr. Pierre Ibisch, Professor Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde

Der breiten Öffentlichkeit wird häufig der Borkenkäfer als „Sündenbock“ für die Schädigung der Bäume verkauft. Trägt das knapp einen Zentimeter lange Insekt wirklich die Hauptschuld?
Wir haben den verschiedenen Borkenkäferarten durch die Anlage von ausgedehnten Monokulturen mit wenigen Baumarten – und zwar zum Teil außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes – den Tisch gedeckt. Dies gilt für die Borkenkäfer, die etwa Fichten und Kiefern befallen. Die Massenvermehrung ist ökologisch gesehen Teil eines Regulationsprozesses. Massenhaftes Absterben von Monokulturen schafft neue Strukturvielfalt und Raum für einen neuen weniger anfälligen Wald. Leider mit wirtschaftlichen Konsequenzen für Betriebe, die auf das anfällige Produktionsmodell gesetzt haben. Wir müssen auch sagen: Es gibt nunmehr Probleme selbst bei anderen Baumarten wie etwa der Buche. In jedem Falle sind die sogenannten Schadinsekten aber nicht Ursache der Krise, sondern zum Teil nur Folge oder eben ein Treiber von mehreren. Ohne Klimawandel und ohne Monokulturen hätten wir keine ernsten Borkenkäferprobleme.

Noch ein Wort zum Waldzustandsbericht: Sie kritisieren unter anderem, dass manche Forstämter das Totschlagargument „Betriebsgeheimnis“ vorschieben, um relevante Daten für den Bericht nicht herausrücken zu müssen. Stattdessen fordern Sie ein nationales Waldgutachten, das interdisziplinär erstellt werden soll. Ist das die Patentlösung?
Ich habe in den letzten Jahren immer wieder erlebt, wieviel forstliche Geheimniskrämerei es gibt. Warum eigentlich? Dass Forstbetriebe und Forstämter ihre Daten zu Einschlagsmengen und Planungen nicht herausgeben, dürfte kaum im Einklang mit dem Umweltinformationsgesetz stehen. Selbst Zertifizierer wie FSC [Forest Stewardship Council; die Red.] gewähren keinen Einblick darein, wo genau die zertifizierten Flächen liegen. Webbasiert wäre es doch ganz einfach, ein flächenscharfes Informationssystem vorzuhalten. Wie soll man denn sonst unabhängig die Wirksamkeit beurteilen können? Die Forstwirtschaft kontrolliert sich selbst. Es sind forstliche Behörden, die Waldzustandsberichte herausgeben, die aber längst nicht alle Analysen umfassen, die es bräuchte, um die Situation besser zu verstehen. Wie korrelieren eigentlich die Waldschäden mit bestimmten Bewirtschaftungsformen und Besitzarten? Gibt es mehr oder weniger Schäden im öffentlichen, kleinen oder großen Privatwald? Wie korrelieren die Schäden mit der Bewirtschaftungsintensität? Ist der Wald auf zertifizierten Flächen vitaler? Das wäre doch interessant. Abgesehen davon beruht die gesamte Berichterstattung zum Waldzustand etwa auf der Waldinventur, die viel zu selten Daten liefert und sich letztlich auf ausgewählte Probeflächen bezieht. Längst könnten wir fast in Echtzeit fernerkundungsgestützt viel genauere Informationen zur Waldvitalität generieren. Es gibt zudem so viel ökologische Literatur zu Waldökosystemen, die bei der Erstellung von forstdominierten Waldgutachten wie etwa des Wissenschaftlichen Beirats des Bundeslandwirtschaftsministeriums regelmäßig unter den Tisch gefallen ist.

Deshalb braucht es eine ganzheitlichere Diagnostik und Strategieentwicklung unter Beteiligung von mehr Disziplinen und deutlich mehr Wissenschaftler*innen. Ich denke immer an die großen Gutachten wie das Millennium Ecosystem Assessment oder die IPCC- und IPBES-Studien. Derartiges müssten wir auf nationaler Ebene umsetzen, um auf angemessener Wissensgrundlage für unseren Wald und unsere Landschaftsökosysteme handeln zu können.

[Interview: Marion Busch]