Artikel von Jana Ballenthien

Europas größte Urwaldschätze schwinden

Waren Sie schon einmal in einem europäischen Urwald? Die Chance ist gering, denn solche nicht kultivierten Waldgebiete sind rar geworden. Neben den skandinavischen urigen, sogenannten borealen Urwäldern finden wir atemberaubende Buchenurwälder in den Karpaten. Die größten Flächen befinden sich in Rumänien. Ein wirkliches Juwel unter den europäischen Urwäldern ist das unzugängliche Boja-Mica-Tal im rumänischen Făgăraş-Gebirge. Dorthin führen keine Straße und kein Trampelpfad. Seit Jahren kämpften Umweltschützer*innen dafür, diese Unversehrtheit zu erhalten. Und endlich hatten sie Erfolg! Das Tal wurde in den nationalen rumänischen Katalog der sogenannten Virgin Forests aufgenommen. Ein Grund zum Feiern? Ja, doch zugleich scheint dieser Akt eine Alibi-Maßnahme der Regierung zu sein. Aber dazu später.

 

Etwa 40 Prozent Europas sind von Wald bedeckt. Doch nur etwa ein Prozent davon ist wirklich alt und naturnah oder sogar unberührt. In Deutschland gibt es nicht mal mehr 100 Hektar urwaldähnliche Strukturen in kleinsten Flächen von 10 bis 15 Hektar. Österreich beherbergt weniger als 1.500 Hektar. Die Slowakei immerhin 11.000 Hektar, gefolgt von Polen mit 12.000 Hektar, Schweden mit 85.000 Hektar und der Ukraine mit 100.000 Hektar. Die größten Urwaldflächen finden wir in Rumänien. Nach einer Studie der Stiftung EuroNatur aus dem Herbst 2019 können wir dort von einer Gesamtfläche von 525.000 Hektar Natur- und Urwäldern ausgehen.

 

Dieser kümmerliche Rest der alten Wälder, die Europa einst besaß, sind mit ihrer Einzigartigkeit, ihrer Resilienz gegenüber dem Klimawandel und ihrem unschätzbaren genetischen Pool von globaler Bedeutung für uns alle. Doch der Umgang Europas mit den alten naturnahen Wäldern und seinen letzten Urwaldresten ist eine Katastrophe – überall.

Denn der Holzhandel mit illegal eingeschlagenem Holz aus geschützten Gebieten, darunter auch viele unberührte, alte Wälder, boomt. Nach realistischen Schätzungen wurde in Rumänien in den vergangenen 15 Jahren die Hälfte aller Urwaldstrukturen vernichtet.

 

„Dieser kümmerliche Rest der alten Wälder, die Europa einst besaß, sind mit ihrer Einzigartigkeit, ihrer Resilienz gegenüber dem Klimawandel und ihrem unschätzbaren genetischen Pool von globaler Bedeutung für uns alle. Doch der Umgang Europas mit den alten naturnahen Wäldern und seinen letzten Urwaldresten ist eine Katastrophe – überall.“

Jana Ballenthien

 

Auch legale Frevel in wertvollen Wäldern sind an der Tagesordnung, etwa auf den vielen Flächen, die noch nicht als naturnah oder als Urwald kartiert wurden oder vielleicht schon kartiert sind, aber in kein Schutzkonzept überführt wurden. In einigen europäischen Mitgliedstaaten scheint es gar die Strategie zu sein, genau diese Wälder, die als besonders naturnah erkannt werden, zügig zu beschädigen. Denn was beschädigt ist, hat keinen Anspruch mehr darauf, als Urwaldstruktur katalogisiert zu werden.

 

Raubbau mit Methode?

Verantwortlich für die Urwaldzerstörung sind Regierungen, die keine Maßnahmen ergreifen, den Handel mit dem Holz der letzten alten Wälder zu unterbinden. Kein Wunder, schreit doch nahezu jede Branche nach dem Rohstoff aus dem Wald! Seien es die Papierindustrie, die Bauwirtschaft oder seit Neuestem auch die Energieerzeuger mit ihrer Holzbiomasseverbrennung, die den Urwaldbaum direkt in den Ofen schieben. Bis Ende 2019 geheim gehaltene Zahlen aus der Nationalen Forstinventur Rumäniens belegen, dass zwischen 2013 und 2018 jährlich 38 Millionen Kubikmeter Holz geerntet wurden – das sind rund doppelt so viel, wie in den Waldmanagementplänen genehmigt waren. Das bedeutet: Auf jeden legalen Einschlag folgt ein weiterer illegaler! Selbst ein aktuell laufendes Vertragsverletzungsverfahren der EU scheint keine Wirkung auf die rumänische Holzmafia zu haben – so beweisen es Satellitenbilder. Wer nach Holz ruft, erntet Waldverlust.

 

Und damit wären wir zurück bei unserem Juwel, dem Boja-Mica-Tal. Der nationale Katalog der „Virgin Forests“ umfasst derzeit nicht einmal zehn Prozent der 525.000 Hektar dokumentierter Natur- und Urwälder Rumäniens. Zielvorgabe waren ursprünglich 400.000 Hektar. Und gut zwei Drittel der aktuell neu hinzu genommenen Wälder hatten ohnehin schon den Status des UNESCO-Weltnaturerbes. Alle Camouflage, die Rumänien aktuell über seine perfide Waldzerstörung legt, täuscht nicht darüber hinweg, dass, unbeeindruckt vom Vertragsverletzungsverfahren der EU, weiter wertvolle Flächen in rasantem Tempo unwiederbringlich zerstört werden.

 

Wie gerne würde ich nach diesen niederschmetternden Absätzen mit einem wirklichen Hoffnungsschimmer enden. Stattdessen bleibt nur zu sagen, was es bräuchte, um eine dringende Wende im Umgang mit unseren alten Wäldern zu bewerkstelligen: Bestehende Natur- und Urwälder zügig katalogisieren und verbindlich schützen. Illegalen Holzeinschlag konsequent verfolgen und ahnden. Sparsame Nutzung des Rohstoffes Holz mit Vorrang von Recyclingprodukten in allen Branchen. Und transparente Lieferkettennachweise auch innerhalb der EU.

 

Und vor allem müssen wir den Wert unserer Wälder erkennen! Nur so werden wir unsere überlebenswichtigen Schätze erhalten.