Artikel von Franziska Mohaupt

Stadtgrün ist Mehrwert!

Stadtgrün wird oft zugunsten anderer Prioritäten und politischer Ziele vernachlässigt: Wohnungsbau, Verkehrsplanung und Wirtschaftsförderung gehen vor. Dabei ist urbanes Grün für die biologische Vielfalt und das Stadtklima enorm wichtig. Wie erhält es den Stellenwert in der Stadtpolitik, den es verdient?

Das Weißbuch Stadtgrün des Bundesumweltministeriums misst dem urbanen und besonderes dem historischen Stadtgrün eine wesentliche Bedeutung für die Artenvielfalt und das Stadtklima bei. Mit den teilweise massiven Flächennutzungskonkurrenzen zwischen Bauen, Verkehr und Wirtschaft umzugehen, ist kommunalpolitisches Tagesgeschäft. Das kommunale Handeln vor Ort entscheidet über den Erhalt oder weiteren Verlust der biologischen Vielfalt. Kommunen haben deshalb besondere Verantwortung dafür, das öffentliche Bewusstsein zu stärken. Im eigenen Handeln haben sie gegenüber Investoren und Firmen eine enorme Vorbildwirkung. Das Umweltbundesamt stellt fest: „Kommunen gehören zu den Schlüsselakteuren bei der Entwicklung von Anpassungsmaßnahmen“.

„Das kommunale Handeln vor Ort entscheidet über den Erhalt oder weiteren Verlust der biologischen Vielfalt. Kommunen haben deshalb besondere Verantwortung dafür, das öffentliche Bewusstsein zu stärken. Im eigenen Handeln haben sie gegenüber Investoren und Firmen eine enorme Vorbildwirkung.“

Franziska Mohaupt

Sie selbst kennen die lokalen klimatischen, ökologischen, baulichen und politischen Gegebenheiten am besten. Mit vielen Verwaltungsentscheidungen bestimmen sie über das Maß ihres Engagements für das Klima – von der Erklärung des Klimanotstands über die Ausarbeitung und Umsetzung eines Klimaschutzmasterplans bis zu einzelnen Verwaltungsvorschriften zur Flächennutzungs- und Bebauungsplanung. Die Strategien zur Förderung der biologischen Vielfalt und zur Anpassung an den Klimawandel setzen Kommunen unter Zugzwang.

Handlungsspielraum für Kommunen aufzeigen

Im Rahmen des Projekts des Bundesbildungsministeriums (BMBF) „Stadtgrün wertschätzen: Bewertung, Management und Kommunikation als Schlüssel für eine klimaangepasste und naturnahe Grünflächenentwicklung“ (siehe Randspalte) hat das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) gemeinsam mit vier Partnerkommunen und der Deutschen Umwelthilfe (DUH) nach Lösungen gesucht. Dafür hat das Forscher*innenteam zunächst Erfolgsfaktoren und Hemmnisse in den vier Partnerstädten analysiert und darauf aufbauend Ansätze entwickelt, die Kommunen trotz leerer Kassen und hohen Arbeitsdrucks ergreifen können:

  1. Grün gehört in die übergreifende Stadtstrategie: Grünflächen- und Gartenämter sind zwar die zentralen Akteure. Um jedoch der Bedeutung urbaner Grünflächen für die Stadtgesellschaft gerecht zu werden, müssen Erhalt und Ausbau von Stadtgrün im Rahmen einer stadtweiten Strategie als Ziele festgeschrieben werden. Damit diese Strategie anschließend nicht in der Schublade verschwindet, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Erstens entwickeln alle relevanten Ressorts einer Stadt die Strategie gemeinsam. Und zweitens sind Grünflächenentwicklung, Pflegekonzept, Budget und Umsetzung „aus einem Guss“. Das bedeutet, dass alle Aufgaben aufeinander abgestimmt und Verantwortung und Handlungsspielraum eindeutig benannt sind. Und ganz klar: Die Stadtpolitik muss hinter den Zielen für Stadtgrün stehen. Ein gutes Beispiel ist der „Masterplan Grün 2030“: Die Stadt Leipzig verknüpft hier die zentralen Themen Mobilität, Klima, Biodiversität, Gesundheit und Umweltgerechtigkeit miteinander und stärkt damit auch die Bedeutung von Stadtgrün.   
  2. Lösungsansätze werden besser, wenn sie „vertikal und horizontal integriert“ entwickelt werden: Vertikale Integration bedeutet, dass die Aufgaben und Ziele der Grünflächenpflege – wie unter Punkt 1 beschrieben – in übergreifender und stadtweiter Strategie festgeschrieben sind und von ganz oben gefordert und gefördert werden. Außerdem sollten Umweltverbände und andere gesellschaftliche Gruppen sowohl bei der Strategieentwicklung als auch bei der Umsetzung von Stadtgrünmaßnahmen beteiligt werden. Mit horizontaler Integration spricht das ForscherInnenteam die Herausforderung an, dass die Zuständigkeiten für Stadtgrün oft über mehrere Ressorts verteilt sind. Die Stadtverwaltung sollte eine horizontale Vernetzung und Kooperation zwischen Ressorts fördern. Die Stadt Nürnberg macht es vor: Hier sind Biodiversitätsförderung, Grünflächenplanung und -pflege unter einem Dach, der fachliche Austausch und die Zusammenarbeit in den Bezirken werden aktiv gefördert.
  3. Der Wert von Stadtgrün muss konkreter formuliert werden: Der Ökosystemleistungsansatz und eine damit verknüpfte ökonomische Bewertung des Nutzens von Stadtgrün untermauert die Bedeutung desselben für die Stadtgesellschaft. Hauptargument für diese Bewertungsmethode, die das IÖW im Projekt entwickelt hat: Durch die Bewertung vieler, wichtiger Ökosystemleistungen – etwa Kühlung, Regenwasserspeicherung, Erholung – entsteht ein differenzierteres, konkretes und damit greifbares Bild des Wertes von Stadtgrün.
  4. Maßnahmen treffen nicht immer sofort auf Verständnis in der Bevölkerung: Wichtige Elemente zur Schaffung von Akzeptanz sind gute Informationen, Transparenz und Kontinuität in der Pflege und – ein langer Atem! Das Gartenamt in Karlsruhe hat es vorgemacht und über 20 Jahre mit extensivem Wiesenmanagement und anderen biodiversitätsfördernden Maßnahmen die Menschen an ein biodiverses Stadtbild gewöhnt.

c. pixabay