Naturschutz & Biodiversität

Wälder: Die COP, die EU und die Brände

04.11.2021

Auf der 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow (COP26) haben sich 100 Staaten bereit erklärt, die Entwaldung bis 2030 zu stoppen – Umweltverbände schwanken zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Geplante EU-Verordnung vermutlich unwirksam gegen Waldverlust in Brasilien – Zivilgesellschaft fordert Ausweitung der Regeln. Die Waldbrände in Europa haben zugenommen – die Details unterm Brennglas.

COP 26: Glasgow Leaders’ Declaration on Forests and Land Use

Während der UN-Klimaverhandlungen in Glasgow haben sich am Dienstag 100 Staaten zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung zusammengetan: Bis 2030 wollen sie die Entwaldung stoppen. Die Länder repräsentieren über 85 Prozent der weltweiten Waldflächen und wollen neben der Entwaldung auch die Bodendegradation stoppen und umkehren. Auch die EU-Kommission hat im Namen der gesamten EU unterzeichnet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte eine Milliarde Euro als Beitrag der Europäischen Union für den neuen „Global Forest Finance Pledge“ zu. Dieses fünfjährige Unterstützungspaket aus dem EU-Haushalt werde den Partnerländern helfen, die Wälder weltweit zu schützen, wiederherzustellen und nachhaltig zu bewirtschaften und das Pariser Abkommen zu erfüllen. Die Regierungen wollen öffentliche Mittel in Höhe von über zehn Milliarden Euro für den Schutz und die Wiederherstellung der Wälder bereitstellen, hinzu sollen über sechs Milliarden Euro an privaten Investitionen kommen.

BirdLife nannte den Schritt „eine begrüßenswerte neue Verpflichtung“. Es sehe so aus, „als hätten die Regierungen endlich die dringende Notwendigkeit erkannt, die Wälder zu schützen“. Wichtige Tropenwaldländer wie Indonesien, die Demokratische Republik Kongo und Brasilien sowie Kanada, Russland und die USA, die riesige boreale Wälder beherbergen, hätten die Ankündigung unterstützt. Dies gebe neue Hoffnung für die Wälder sowie indigene Völker und lokale Gemeinschaften. „Ob (der Vorstoß) jedoch dort Erfolg hat, wo frühere freiwillige Verpflichtungen gescheitert sind, hängt von sofortigen und konkreten Verbesserungen in den Bereichen Transparenz, Regierungsführung, Partizipation und Menschenrechte ab und davon, dass wir uns auf den Schutz der noch intakten Wälder konzentrieren, die wir noch haben", sagte Noëlle Kümpel von BirdLife International.

Die Robin Wood-Waldreferentin Jana Ballenthien reagierte skeptisch: „Die Absichtserklärung aus Glasgow können wir nur kommentieren mit: Nein danke! Wer jetzt noch, in Zeiten der Klimakatastrophe und des rasanten Artensterbens, davon spricht, irgendwann in zehn Jahren selbstverpflichtend mit dem Waldnaturschutz anzufangen, der hat den Erhalt der Wälder heute schon verspielt.“ Man müsse leider sehr pessimistisch sein, denn die Entscheidung könne im schlimmsten Fall bedeuten, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre sogar vermehrt abgeholzt werde, um die Zeit bis 2030 noch möglichst profitorientiert zu nutzen.

Die Meeresschutzorganisation Seas At Risk hat große Schifffahrtsunternehmen namentlich aufgefordert, das globale Abkommen zur Beendigung der Entwaldung ebenfalls zu unterzeichnen und sich zu verpflichten, keine mit Entwaldung in Zusammenhang stehenden Waren zu befördern. Die Entwaldung müsse aus dem weltweiten Handel mit Lebensmitteln und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Palmöl, Soja, Kaffee und Kakao verbannt werden. Mehr als 30 der weltweit größten Unternehmen hätten sich schon verpflichtet, ihre mit Entwaldung verbundenen Geschäftstätigkeiten einzustellen.

 

EU-Entwaldungsgesetz: Lobbyinteressen drohen Waldschutz zu verwässern – und was ist eigentlich Bolsonaros Unterschrift wert?

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat betont, dass ein starkes EU-Gesetz notwendig ist, wenn das COP26-Ziel, die Entwaldung bis 2030 zu stoppen, durchgesetzt werden soll. Im Schnitt würden pro Stunde etwa 800 Fußballfelder Wald vernichtet, vor allem in den Tropen und Subtropen. Die Organisation kritisiert, dass laut dem Leak des EU-Gesetzentwurfs (EU-News 16.09.2021) zentrale Entwaldungstreiber wie Leder und Kautschuk von den Regelungen ausgenommen sein sollen. Diese Rohstoffe seien für die Autoindustrie extrem wichtig. Neue Auswertungen von Satellitendaten im Auftrag der DUH und der Rainforest Foundation Norway belegten, dass im Amazonasgebiet seit Januar über 30.000 systematisch gelegte Waldbrände im Bezugsgebiet der brasilianischen Gerbereien stattfanden, die Leder in die EU liefern. Bereits im April zeigten Recherchen der beiden Organisationen, dass Autobauer wie Volkswagen, BMW und Daimler Leder von brasilianischen Unternehmen beziehen, die mit großflächiger Entwaldung in Verbindung stehen. DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner kritisierte: „Der längst überfällige Vorstoß der EU gegen die Entwaldung zum Beispiel in Brasilien droht aufgrund von Lobbyinteressen zum stumpfen Schwert zu werden. Die Rinderhaltung ist in Brasilien der mit Abstand größte Treiber für Naturzerstörung. Dabei ist Leder deutlich mehr als bloß ein Nebenprodukt der Rindfleischproduktion: Leder ist die wichtigste Ware, die die EU aus der zerstörerischen brasilianischen Viehwirtschaft importiert. Wenn die EU Entwaldung durch Importe reduzieren will, darf sie Leder nicht außen vor lassen.“

Die DUH unterstützt dabei auch ein Bündnis von europäischen Nichtregierungsorganisationen wie FERN, Canopée, Mighty Earth und Environmental Investigation Agency, das Zweifel daran hat, dass die EU-Verordnung zur Bekämpfung der Abholzung der Wälder in Brasilien unter Regierungschef Jair Bolsonaro überhaupt wirksam sein kann. Wenn wichtige risikoreiche Rinderprodukte wie verarbeitetes Rindfleisch und Häute ausgeklammert und die brasilianischen Savannen des Cerrado – und damit den größten Teil des Sojas aus der Entwaldung – aus dem Geltungsbereich der Verordnung ausgeschlossen werden, dürfte sie die Auswirkungen der EU auf die Entwaldung in dem tropischen Land mit dem größten Waldverlust nicht minimieren. Die Viehzucht im brasilianischen Amazonasgebiet sei die weltweit größte Ursache für die Entwaldung, die in alarmierendem Tempo zunimmt. Die Entwaldung des Amazonasgebiets erreichte im Jahr 2020 mit 11.088 Quadratkilometern einen 12-Jahres-Höchststand. Jeder Hektar Waldverlust im Amazonasgebiet setze schätzungsweise 550 bis 740 Tonnen Kohlendioxidäquivalent frei. Durch die Abholzung würden mehr Treibhausgase freigesetzt als in der gesamten EU, weshalb alle Rindererzeugnisse in die Verordnung aufgenommen werden müssen, so das Bündnis.

Sowohl der Vorschlag der EU-Kommission für eine Verordnung zur Minimierung des Risikos von Entwaldung und Waldschädigung im Zusammenhang mit Produkten, die in der EU in Verkehr gebracht werden, und ein Vorschlag für eine Richtlinie über neue Sorgfaltspflichten zur Stärkung der Rechenschaftspflicht von Unternehmen, einschließlich Finanzinstituten, waren eigentlich schon im zweiten Quartal 2021 erwartet und dann doch verschoben worden. FERN und andere Akteure sind besorgt über die Verspätung, die sie auf „Manöver hinter den Kulissen“ und „einen verstärkten Einfluss des Privatsektors“ zurückführen.

 

Klimawandel: 340.000 Hektar verbrannter Wald in der EU im Jahr 2020

Eine riesige Waldfläche – mit 340.000 Hektar größer als ganz Luxemburg – ist im letzten Jahr in der EU verbrannt. Das ist das Ergebnis eines Berichtes der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU (JRC). Rumänien, dort vor allem Natura-2000-Gebiete im Donaudelta-Naturschutzgebiet, war das am stärksten betroffene Land, gefolgt von Portugal, Spanien und Italien. Aus Deutschland wurden 1.360 Waldbrände gemeldet, insgesamt war eine Fläche von 368 Hektar betroffen, besonders viele Brände gab es laut JRC in Brandenburg. Der Klimawandel mache sich immer deutlicher bemerkbar. Die Feuersaison 2021 sei sogar noch schlimmer. Bisher seien bereits etwa 0,5 Millionen Hektar in Flammen aufgegangen, 61 Prozent davon in Wäldern, die sich erst nach Jahren wieder erholen werden. Etwa ein Viertel der verbrannten Flächen in Europa befanden sich in Natura-2000-Gebieten, den Reservoirs der biologischen Vielfalt in der EU. Die EU hat laut EU-Kommission in diesem Jahr ihre Kapazitäten zur Unterstützung der Länder aufgestockt und sei bereits in großem Umfang bei den Großbränden im Mittelmeerraum in diesem Sommer eingesetzt worden. [jg]

COP26:

EU-Anti-Entwaldungsgesetz:

Waldbrände: