Naturschutz & Biodiversität

Rückenwind für EU-Waldstrategie aus der Zivilgesellschaft

25.10.2021

Anlässlich der am Montag tagenden Ratsarbeitsgruppe zu Wäldern haben 87 Organisationen in einem offenen Brief alle Mitgliedstaaten aufgerufen, die EU-Waldstrategie 2030 mitzutragen. Sie dürften nicht länger "den Status quo der Forstwirtschaft" unterstützen, nicht zuletzt um die internationalen Versprechen in Bezug auf die biologische Vielfalt und das Klima einzulösen. Eine Umfrage zeigt, dass die EU-Bürger*innen sich keine Produkte kaufen wollen, die mit Naturzerstörung und Entwaldung erkauft sind.

Für eine starke EU-Waldstrategie

Unterstützt wird der Offene Brief an die EU-Mitgliedstaaten unter anderem von der Waldschutzorganisation FERN, vom Europäischen Umweltbüro (EEB), Robin Wood, WWF, ARA, Deutscher Umwelthilfe und dem Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring. Aus Sicht der unterzeichnenden Organisationen komme in den bisherigen Debatteneine Art Schwarz-Weiß-Denken zwischen der wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Rolle der Wälder gemacht, inzwischen seien aber alle drei Säulen der Nachhaltigkeit in Mitleidenschaft gezogen. Eine Spaltung ist schädlich: Beschäftigung, die langfristige Gesundheit der Wälder sowie der Kampf gegen die Klimakrise hingen von widerstandsfähigen Ökosystemen und einer nachhaltigen Landbewirtschaftung ab. Um diese Ziele zu erreichen, seien ein einfacher Zugang zu Informationen und offene Diskussionen mit den Beteiligten erforderlich. Der Rat müsse eine starke, kooperative Position einnehmen, um einen gerechten Übergang zu einem kohlenstoffarmen Forstsektor zu ermöglichen, schädliche Praktiken abzuschaffen sowie ausreichend Daten über den Zustand der Wälder zu sammeln. Erst kürzlich hatte es einen Vorstoß waldreicher Länder gegeben, die sich gegen zu viele Vorschriften aus Brüssel richteten – auch das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium in Deutschland gehörte dazu (EU-News 07.10.2021 und 14.10.2021). Die Forstindustrie ist ebenfalls nicht begeistert.

Aus Sicht der Organisationen müssten folgende Punkte in den Ratsschlussfolgerungen befürwortet werden, da sie die langfristige Lebensfähigkeit der europäischen Wälder unterstützen können:

  • Unterstützung des Rahmens für die Beobachtung, Berichterstattung und Datenerhebung im Wald: Die nationalen Waldinventare verwenden unterschiedliche nationale Definitionen, Variablen und Schwellenwerte für so grundlegende Elemente wie die Definition, was ein Wald ist. Wie die Forschung zeigt, ist es möglich, diese Informationen zu harmonisieren, sodass die Länder die Unterschiede zwischen den Wäldern leicht erkennen können.
  • Indikatoren und Schwellenwerte für die nachhaltige Waldbewirtschaftung: Forest Europe, das in der Waldstrategie erwähnt wird, hat eine erste Reihe von Kriterien vorgelegt – allerdings keine Möglichkeiten, diese zu messen. Darüber hinaus verhindern weiterhin erhebliche Unklarheiten eine eindeutige Bewertung von Wäldern, zum Beispiel die Definition von "Plantagen".
  • Definitionen und Leitlinien für naturnahe Forstwirtschaftspraktiken sowie Primär- und Altwälder: Eine evidenzbasierte Entscheidungsfindung erfordert klare Definitionen, um bewährte Praktiken zu belohnen oder die Zerstörung besonders gefährdeter und wichtiger Ökosysteme zu bestrafen.

Der Agrarrat wird voraussichtlich am 15. November seine Schlussfolgerungen zur EU-Waldstrategie 2030 annehmen. Aber auch das Parlament kann sich noch einbringen. In einem Hintergrundartikel über den Wert von Alt- und Primärwäldern hat die grüne Europaabgeordnete Anna Deparnay-Grunenberg, studierte Forstwissenschaftlerin und Mitglied im Landwirtschaftsausschuss im Europäischen Parlament, Instrumente zusammengefasst, wie diese aus ihrer Sicht besser geschützt werden könnten.

Umfrage zeigt, dass ein EU-Gesetz zum Stopp importierter Entwaldung überfällig ist

Verbraucher*innen in der Europäischen Union wollen sich nicht an der Zerstörung der Natur beteiligen. Laut einer neuen WWF-Umfrage sind 73 Prozent der Befragten der Meinung, dass die EU-Gesetzgebung sicherstellen sollte, dass alle in der EU verkauften Produkte nachhaltig sind und nicht zum Verlust der biologischen Vielfalt führen. Ihrer Ansicht nach sollte sich die EU stärker für den Schutz der Wälder und anderer Ökosysteme einsetzen (76 Prozent) und eigene Kriterien für in die EU eingeführte Lebensmittel festlegen (74 Prozent). Die Umfrage zeige auch, dass die meisten erwachsenen Europäer*innen die Verantwortung für die Verringerung der Umweltauswirkungen der Lebensmittelproduktion bei den nationalen Regierungen (51 Prozent), den Herstellern (49 Prozent) und der EU (41 Prozent) sehen. Obwohl es weder einen Mechanismus noch eine Kennzeichnung gibt, um festzustellen, welche Produkte mit der Zerstörung der Natur in Verbindung stehen, sei ein Drittel der Befragten der Meinung, dass die Verantwortung für ihre Entscheidungen bei ihnen selbst liegt, so der WWF.

Anke Schulmeister-Oldenhove vom WWF-Europabüro betonte, dass die EU-Verbraucher*innen den direkten Zusammenhang zwischen Nahrungsmitteln und Naturzerstörung wie deren Anbau oder auch extremen Wetterereignissen oder Bränden im Amazonasgebiet verstünden. Sie wollten klare Regeln und darauf müsse die EU hören: Damit alle Produkte nachhaltig sind, müssen die neuen Rechtsvorschriften sowohl Wälder als auch andere Ökosysteme abdecken und in allen EU-Mitgliedstaaten konsequent umgesetzt werden", so Schulmeister-Oldenhove.

Noch in diesem Jahr (voraussichtlich am 17. November) will die EU-Kommission ein EU-Produktgesetz zum Stopp importierter Entwaldung vorlegen. [jg]

FERN: NGOs support a forest strategy that addresses current challenges for forests

WWF: 7 in 10 Europeans want deforestation off the EU market - new poll

A Just Transition

FERN-Report: Interviews mit Förstern

Die Waldschutzorganisation FERN hat Interviews mit Förstern über die Nachteile der intensiven Forstwirtschaft und Lösungen, die naturnahe Praktiken bieten, geführt. Es gebe eine wachsende Bewegung, dass Wälder gleichzeitig rentabel bewirtschaftet und im Kampf gegen den Klima- und Biodiversitätsnotstand eingesetzt werden können. Durch naturnahe Forstwirtschaft seien die Betriebe aufgeblüht und hätten mehr menschenwürdige Arbeitsplätze im ländlichen Raum geschaffen und gleichzeitig die Umwelt weniger belastet. Das FERN-Diskussionspapier "A Just Transition" untersucht die Hintergründe. Die wichtigsten Schlussfolgerungen sind:

  1. Die naturnahe Forstwirtschaft bietet Waldbesitzern oft mehr Gewinn als intensive Praktiken.
  2. Der Gesundheitszustand der Wälder in Europa verschlechtert sich rapide – größtenteils wegen der intensiven Forstwirtschaft.
  3. Die naturnahe Forstwirtschaft bietet wirtschaftliche Multifunktionalität.
  4. Ungünstige veraltete Bewirtschaftungspraktiken, die dem Übergang zu einer naturnahen Bewirtschaftung im Wege stehen, können durch die Abschaffung unangemessener Subventionen und eine verstärkte Aufklärung über Alternativen zu Monokulturen geändert werden.
  5. Langfristig wird die Forstwirtschaft ihre Praktiken überdenken müssen: In Südschweden zum Beispiel halten die Einnahmen aus dem Holzverkauf schon jetzt nicht mehr mit den steigenden Kosten Schritt.
  6. Trotz des zunehmenden Holzeinschlags nimmt die Beschäftigung in der Forstwirtschaft ab.
  7. Die intensive Forstwirtschaft untergräbt die ökologischen und sozialen Funktionen der Wälder.

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LIFE FORECCAsT

Preisverdächtiges LIFE-Projekt hilft beim Umbau der Wälder

Wie das in Frankreich ansässige Team des vom EU-Naturschutzfonds LIFE geförderten FORECCAsT-Projekt die Wälder klimaresilienter machen will, steht in einem Interview der letzten digitalen LIFE-Magazin-Ausgabe. Das Team hat unter anderem verschiedene Modelle entwickelt, wie Bäume auf Trockenheit reagieren, hierzu eine App für in der Forstwirtschaft Tätige erstellt sowie praktische Lösungen, um den vom Absterben bedrohten Wäldern zu helfen, erprobt. Neue Pflanztechniken, bei denen Baumarten gemischt werden, und neue Bewirtschaftungsmethoden für Waldbestände, um deren Risiken bei Unwettern zu verringern, gehörten dazu. Inzwischen werden an 25 Standorten klimaresistente Baumarten getestet. Weiterlesen